Mathias ist jetzt 14 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in einem Heim für schwerst behinderte Kinder. Seit seinem ersten Lebensjahr hat er epileptische Anfälle, zeigt autistische Züge und hat unbeherrschbare Wutausbrüche. Seine Eltern lieben ihn und haben ihn nicht „aufgegeben“. Sie sind nicht „verwaist“. Dennoch möchte ich dieses Buch auch Eltern empfehlen, die ihre Kinder durch den Tod verloren haben und dadurch schwerste Krisen durchlebten wie durchleben. Empfohlen sei es überdies denen, die mit Eltern und Geschwistern in Krisensituationen umgehen, Familien, Freunde, Kollegen und Nachbarn, Ärzte und Therapeuten. Was die Autorin, die Mutter des Jungen, vor allem in der Zeit der Diagnosefindung erleben musste, ist erschütternd. Doch sie beschreibt auch glückliche Momente mit ihrem Kind. Beeindruckend ist die Ehrlichkeit, mit der sie sich und ihr Verhältnis zum Kind, zu den Eltern, dem Freundeskreis und zum eigenen Glauben immer wieder hinterfragt. Neun Jahre lange durchlebte sie die Zerreißprobe: das Kind nicht weggeben zu wollen, aber seine Nähe gleichzeitig nicht auszuhalten; mit ihm leben zu wollen, aber nicht zu können und dabei immer erschöpfter und schließlich selbst krank zu werden. Was das Herz zerreißt, hat sie überstanden, ohne daran kaputtzugehen, völlig zu verzweifeln oder zu verhärten. Die heile Welt der Zeitschriften zum Thema „behinderte Kinder in Familie“ ist für sie mehr als fragwürdig. Statt dessen möchte sie offen reden und ihre ambivalenten Gefühle äußern können, doch mit dem „nicht gesellschaftsfähigen“ Kind bleibt sie einsam. Schließlich nimmt sie aber auch die Verantwortung für sich selbst und die übrige Familie wahr, zu der der Ehemann und Mathias’ jüngere Schwester gehören. Die Betreuung des behinderten Kindes in einem Heim wird von allen als Chance wahrgenommen, auch für Mathias selbst.
Das Buch ist eine Ermutigung für Familien, besonders Mütter, ihren eigenen Weg zu finden und dafür einzustehen. Marianne Glaßer hat einen beruflichen Neuanfang als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin gefunden. Sie schreibt Kurzprosa und Gedichte, die – in Ergänzung zum Buch gelesen, siehe Homepage Marianne Glaßer – berührende Zeugnisse des inneren Suchens und Findens einer alltags-mutigen Persönlichkeit in ihrer Familie sind.
Marianne Glaßer: Keine heile Welt. Leben mit einem behinderten Kind
Mabuse-Verlag Frankfurt am Main, 2009
165 Seiten, 15,90 Euro
ISBN 978-3-940529-30-5