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Der Tod eines Kindes erschüttert und überwältigt die Eltern, unabhängig davon wie alt das Kind war. Die Trauer nach dem Tod eines Kindes ist äußerst intensiv und komplex und kann sehr lange anhalten. Viele glauben, dass diese Art von Trauer, Trostlosigkeit und Schmerz alle anderen Formen der Trauer übersteigen, mit der man in seinem Leben konfrontiert wird.
Wenn nun das einzige Kind stirbt, so wird die Trauer zusätzlich durch einige weitere spezifische Probleme erschwert. Diese Probleme und Fragen müssen zunächst gelöst werden, ehe Heilung beginnen kann.
Kinderlos
Und plötzlich sind wir kinderlos. Diese schreckliche, neue und totale Stille in unserem Leben wird durch nichts mehr unterbrochen. Die Tatsache, dass wir keine weiteren Kinder haben, fügt noch einen zusätzlichen, herzzerreißenden Stachel in unsere Verzweiflung.
Unser Kind ist tot, und die Freude, Bedeutung und Hoffnung, die es für unser eigenes Leben hatte, scheinen für immer mit ihm verschwunden. Auf einmal fühlt sich unsere Welt ganz leer an. Das Leben kann sinnlos und bedeutungslos erscheinen. Alle Hoffnungen und Erwartungen waren auf dieses eine Kind gerichtet. All unsere Liebe, unser Planen, unsere Zukunft galt ihm. Wir haben das Gefühl, völlig alleine dazustehen. Wozu morgens aufstehen, die Mühen des Tages auf sich nehmen, wenn uns niemand mehr zu brauchen scheint? Für wen sollen wir die Qualen der Trauer aushalten? Dieses Gefühl kann mehrere Monate anhalten, sogar Jahre, bis wir uns langsam auf den Trauerweg begeben, bis wir verstehen, dass wir selbst es sind, für den wir leben, der es wert ist geliebt und umsorgt zu werden, bis wir spüren, dass wir uns und unserem Leben selber einen Sinn geben müssen- und dies auch können. Es ist ganz wichtig sich bewusst zu sein, dass diese Gedanken und Gefühle normal sind. Jedoch haben viele andere Betroffene schon vor uns die Erfahrung gemacht, dass das Unglaubliche geschehen kann: dass wir weiterleben können ohne unser Kind, anders als bislang, auch anders als erhofft und geplant, aber doch auch wieder gut. Das aber geschieht nicht von alleine, es braucht unseren Willen, unsere Kraft, es braucht Zeit.
Auch wenn einem die ersten Monate und Jahre endlos erscheinen, so kann es doch langsam leichter werden. Diejenigen die auch schon eine solche Erfahrung gemacht haben wissen, dass wir mit etwas Anstrengung Schritt für Schritt Fortschritte machen können. Obwohl viele von uns kinderlos bleiben werden und unser Leben nicht wie geplant verlaufen ist, so kann das Leben aber trotzdem noch Freude bereithalten.
Sind wir trotzdem noch Eltern?
Auf einmal stellen wir unsere Identität in Frage, da wir plötzlich keine "praktizierenden" Eltern mehr sind. Doch letztendlich kommen wir zu der Erkenntnis, dass wir trotzdem immer Eltern sein werden. Denn die Erinnerungen an unsere Kinder, und die Liebe die zwischen uns war, wird immer ein Teil von uns sein. In der Anfangszeit der Trauer können solche Erinnerungen unheimlich schmerzhaft sein. In späteren Jahren aber bringen uns genau diese Erinnerungen Trost und Freude - auch wenn sie manchmal "bittersweet" sind.
Das Eltern-Sein hört mit dem Tod des Kindes nicht auf. Eltern ist man sein Leben lang. Dass dies so ist, zeigt auch unsere deutsche Sprache:
Stirbt ein Ehemann, so wird aus der Ehefrau eine Witwe.
Sterben Eltern, so werden aus Kindern Waisen.
Diese Begriffe zeigen den Statuswechsel an.
Einen solchen Begriff gibt es aber nicht für Eltern, deren Kind gestorben ist. Man bleibt Vater oder Mutter. Man bleibt auch Bruder, Schwester oder Großeltern.
Der Weg der Trauer
Wahrscheinlich lesen Sie diese Broschüre noch ganz am Anfang Ihrer Trauer. Deswegen sollten wir uns zunächst mit den Problemen dieser Anfangszeit beschäftigen, ehe wir auf den Neuanfang zu sprechen kommen.
Wir möchten Sie ermutigen, Ihre Trauer weder aufzuschieben noch zu schnell den Schmerz überwinden zu wollen. "Trauer lässt sich nicht überwinden wie einen Feind". "Durch das Leid hindurch, nicht am Leid vorbei, führt der Weg in ein neues Leben ohne unser Kind." Das sind zwei zentrale Erfahrungen von Eltern , die diesen Weg schon gegangen sind. Es ist ganz klar, dass viel Schmerz und viele andere, vielleicht sogar unerwartete Gefühle Sie auf dieser Reise begleiten werden., aber deswegen sollten Sie keine Angst haben oder den Weg der Trauer meiden. Dieses Chaos an Gefühlen gehört zur Trauer. Es ist so natürlich und normal wie die Abfolge von Tag und Nacht. Eine ganze Zeit lang wird Ihnen Ihr Leben wie eine Fahrt in der Achterbahn vorkommen. Und schnell werden Sie merken, dass Tränen weder auf den Zeitpunkt noch auf den Ort Rücksicht nehmen. Doch lassen Sie Ihre Tränen ruhig fließen, so löst sich der Druck ein wenig. Und die Kraft, die Sie sonst brauchen um Tränen und Trauer zu unterdrücken, können Sie besser für die Neugestaltung Ihres Lebens einsetzen. Unterdrückte Trauer verstärkt außerdem körperliche und seelische Symptome. Trauer ist keine Krankheit, kann aber durchaus krank machen, wenn man sie verdrängt.
Sie werden schnell merken, dass Lachen für Ihre Heilung genauso wichtig ist wie Weinen. Auch wenn es eine ganze Weile dauern kann, bis Sie mal wieder wirklich Spaß haben, so nehmen Sie es dankbar an, wenn Ihnen etwas Freude macht und Ihnen zum Lachen zu Mute ist. Einige Betroffene haben das Gefühl ihr Kind zu verraten, wenn sie lachen, sie fühlen sich schlecht, dass sie Freude haben, während ihr Kind doch tot ist und nie mehr lachen wird. So zu empfinden ist normal, und zumindest vorübergehend erlebt das wohl fast jeder Trauernde so. Andere Trauernde empfinden es als Geschenk, dass sie trotz aller Trauer die Erleichterung des Lachens erleben dürfen und fühlen sich in solchen Momenten ihrem Kind ganz besonders nahe. Sie sind sicher, dass ihr Kind sie gerne lachen sieht. Vielleicht kann Ihnen diese Sichtweise helfen, auch in Ihrem Leben der Freude wieder einen Platz zu geben. Es geht ja immer darum, das ganze Leben zu leben. Und dazu gehören Freud und Leid. Versuchen Sie, diese Erleichterung einfach zu akzeptieren.
Vielleicht tut es Ihnen gut, die Erinnerungen an Ihr Kind mit anderen Menschen zu teilen. Sie werden schnell merken, dass Ihr Leben mit Ihrem verstorbenen Kind aus viel mehr Freude als Schmerz bestanden hat. Niemand, der nicht selbst eine solche Erfahrung hat machen müssen, kann erahnen, welchen Schmerz Sie empfinden. Dennoch sollten Sie auch Nichtbetroffenen gegenüber von Ihren Gefühlen sprechen. Nur so können sie erfahren, was in Ihnen vorgeht, was Menschen erleben, deren Kind gestorben ist. Von solchen Gesprächen können sowohl Sie als auch Ihre Gesprächspartner profitieren.
Vielleicht tut es Ihnen auch gut von Menschen umgeben zu sein, die Ähnliches durchgemacht haben. Erkundigen Sie sich nach den Selbsthilfegruppen der Verwaisten Eltern, die sich regelmäßig treffen. Obwohl die meisten Eltern, die noch weitere Kinde haben, Ihre Situation nicht ganz nachvollziehen können, so werden Sie aber schnell spüren, dass der Tod eines jeden Kindes das Ende eines einzigartigen "Einzelkindes" ist. Andere betroffene Eltern werden Ihren Schmerz, Ihre Leere verstehen können. Mit ihnen können Sie weinen und trauern und auch lachen mit der Gewissheit, verstanden zu werden. Sie werden sich weniger einsam fühlen. Und mit den anderen betroffenen Eltern können Sie eine neue Zukunft planen und in ersten Schritten gestalten, eine Zukunft ohne das gestorbene Kind.
Wie viele Kinder haben Sie?
Viele betroffene Eltern finden es sehr schwierig, die Frage " Wie viele Kinder haben Sie?" zu beantworten. Einige möchten die Erinnerung an das Kind würdigen und antworten "Ich hatte ein Kind" oder "Ich hatte zwei Kinder". Andere fühlen sich wohler "keine" zu antworten. Sie werden sehen, dass Ihre Antwort sich mit Ihren Bedürfnissen möglicherweise im Laufe der zeit verändern wird. Das Geheimnis liegt darin, sowohl auf die Frage als auch auf Ihre sich verändernden Bedürfnisse vorbereitet zu sein. Sagen Sie genau das, was Sie zu dem Zeitpunkt denken und fühlen.
Während wir diesen großen Verlust betrauern, drängen Familie und Freunde uns oft uns auf das zu konzentrieren, was wir noch haben. Da wir oft das Gefühl haben, gar nichts mehr zu haben, stört uns dieses Drängen vielleicht, und wir fühlen uns unverstanden. In solchen Momenten ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass unsere Familie und Freunde nur unseren Schmerz lindern wollen. Sie möchten uns gerne wieder wie früher sehen. Sie tun das nicht nur aus Liebe zu uns, sondern auch, weil unser Schmerz sie konfrontiert mit ihrer Angst vor dem Tod - sowohl dem eigenen, als auch dem von Menschen die sie lieben. Unsere Familie und wir selber werden die Erfahrung machen, dass es eine ganze Weile dauern wird, bis wir sehen können, was uns noch geblieben ist.
Erinnerungen
Fürchten Sie sich nicht davor, Erinnerungen an Ihr Kind am Leben zu halten. Es ist möglich, bedeutsame Dinge der Vergangenheit zu einem Teil des Heute und Morgen zu machen. Vielleicht empfinden Sie es als tröstend, ein Kleidungsstück oder ein Schmuckstück Ihres Kindes zu tragen - oder eine Collage anzufertigen, die Sie in Ihrem Haus aufhängen. Selbst ein Spielzeug im Regal zeigt, dass die Erinnerung an Ihr Kind greifbar ist.
Investition in die Zukunft
Eine der größten Herausforderungen ist es, sich wieder auf unser Leben zu konzentrieren. Keinen Sinn mehr zu sehen und der Gedanke an ein einsames Leben, möglicherweise ohne nachgeborene Kinder, Schwiegerkinder und Enkelkinder kann große Angst machen. Meistens fällt es uns für längere Zeit schwer, irgendwas außer unserer großen Verzweiflung zu sehen.
Doch mit der Zeit bilden sich neue Freundschaften und unser Leben schreitet voran., mit anderen Akzenten und Überzeugungen, mit anderen Wichtigkeiten und oft mit neuen Inhalten. Alte Freunde, die es nicht schaffen, unser Schicksal mit zu ertragen, werden in unserem Leben weniger Bedeutung haben. Auch die Familie begibt sich in eine Phase der allmählichen Anpassung. Ein neues Leben zu planen ist schwierig, während wir gleichzeitig unser momentanes Leben neu bewerten und versuchen, uns von dem furchtbarsten Verlust in unserem Leben zu erholen. Irgendwann jedoch nimmt die Intensität der Trauer ab, und die meisten von uns finden einen Weg, wie sie den Rest ihres Lebens gestalten können, dass ein gutes Weiterleben möglich ist mit der Erinnerung an unser Kind. Einige möchten gerne Dinge erreichen, die Ihre Kinder vielleicht irgendwann sich als Ziel gesetzt hatten - wozu ihnen aber das Leben die Chance nicht gab.
Zu einem solchermaßen neugestalteten aktiven und bewussten Weiterleben ist mehr erforderlich als eine einzige Entscheidung. Es gibt auch keine einfache Lösung dafür. Neue Ziele und neue Prioritäten müssen wir setzen Wir können in unser Leben auf verschiedenste Weise investieren. Einige nutzen ihr Geschick als Eltern, um Pflegekinder aufzunehmen oder sich z.B. bei den Pfadfindern oder anderen Organisationen für Jugendliche zu engagieren.
Die meisten von uns möchten gerne etwas Konstruktives tun, um die Erinnerung an unser Kind am Leben zu halten. Viele haben Bücher an Büchereien abgegeben, ein Buch über das Leben des Kindes geschrieben, Bäume gepflanzt und sich dafür eingesetzt, anderen zu helfen. Vielen von uns hilft dies, die Erinnerung an unser Kind lebendig zu halten. Es gibt uns und auch anderen die Möglichkeit zu sehen, wie besonders unsere Kinder waren.
Ganz egal in welcher Situation Sie sich befinden, denken Sie daran: Sie sind auf jeden Fall nicht alleine. Es gibt viele andere betroffene Eltern, die Heilung gesucht haben und diese auch erreicht haben. Indem Sie Ihre Erfahrungen mit anderen Menschen teilen, werden Sie einer der "Geheilten" und können nun anderen dabei helfen "geheilt" zu werden. Wenn wir uns gegenseitig im Schmerz und mit Liebe beiseite stehen, werden wir uns mit der Zeit wieder ganz und nicht mehr leer fühlen.
Eines Tages werden Sie erkennen, wie Sie in ihrer Trauer Fortschritte machen. Zum Beispiel werden sie aufwachen ohne dass ihr verstorbenes Kind der allererste Gedanke ist. Wenn Sie dort angelangt sind, beschreiten Sie eine Welt, in der das Leben und der Tod Ihres Kindes wahrhaftig etwas bewirkt hat.
© The Compassionate Friends (TCF) USA - used by permission
© Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V., Eva Knöll für die deutsche Übersetzung und Überarbeitung
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