Verwaiste Eltern: "In Würde leben"

Innerhalb des Kirchentagsmottos "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" ordneten sich die Teilnehmer bestimmten Themnbereichen zu. Der Bundesverband stellte seine Arbeit vor zum Themenbereich "In Würde leben."

Hier die Gedanken dazu:

Trauer ist die Reaktion auf einen Verlust. Sie ist das Bemühen der Seele, das geschehene zu begreifen und zu bearbeiten. Verlust und Trauer gehören wesentlich zum menschlichen Leben.

Die Bibel weiß um dieses Moment. Deshalb finden sich zahlreiche Texte zum Thema in ihr. Z.B. gibt es ein explizites Verbot der Trauer im Alten Testament nur in Hes 24.

Dennoch: gerade Trauernde geraten immer wieder und sehr intensiv in eine Glaubenskrise. Mit dem Zusammenbrechen des Lebensentwurfes - besonders nach dem Tod eines oder mehrerer oder des einzigen Kindes - geht einher der Verlust von Lebenssinn und damit auch die Frage nach der Macht Gottes, nach der Bedeutung Gottes, bis hin zu der Frage nach der Existenz Gottes.

Manche Trauernden erleben in ihrem Glauben Halt in all dem Chaos nach einem so schmerzlichen Verlust wie dem Tod eines Kindes, viele jedoch nicht. Bei beiden allerdings wird sich der Glaube verändern, mehr oder weniger. Wie in vielen anderen Lebenskrisen zeigt sich hier, dass Religion und Glaube (wieder neu) zum Thema werden.

Die Trauer verwaister Eltern ist eine ganz besondere Trauer. Ist Trauer sowieso schon ein tabuisiertes Verhalten in unserer Gesellschaft, jedenfalls hinsichtlich der Überschreitung einer bestimmten Quantität und Qualität, so ist jene Trauer per se eine anomale Trauer: mit dem Verlust des eigenen Kindes ist die natürliche Folge des Sterbens auf den Kopf gestellt. Weshalb trauernde Eltern also unter dem Tabu leiden wie auch unter einem im genannten Sinn unnatürlichen Verlust. Sehr oft hat dies zur Konsequenz, dass sie mit ihrer Trauer alleine bleiben, dass ihr gesamtes Leben zur Insel wird, dass sie ihr Schicksal als Einzel-Schicksal erleben. In diesem Sinn könnte man auch von einem unwürdigen Leben sprechen.

Für die Isolation gibt es weitere gute Gründe. In viel höherem Maß als bei anderen Verlusten haben es Eltern zu tun mit einem Verlust an Hoffnungen, die mit dem Kind verbunden waren. Fast immer sind, stärker als sonst, Verantwortung und dadurch Schuldgefühle angesprochen und ausgelöst. Intensiver werden versteckte Aggressionen gebremst oder verunmöglicht. Die allgemein unbewusst bleibenden Phantasien unserer Gesellschaft, der Mensch sei unsterblich, und die verstärkte Hoffnung, die auf die eigenen Kinder, die ja weitaus häufiger als früher das einzige Kind sind, gelegt wird, verschärfen den Zusammenbruch der Eltern.

Besonderer Beachtung bedürfen hier trauernde Eltern von ermordeten Kinder und von Kindern, die Selbstmord begangen haben. Das Maß an Schuldzuweisungen und Ausgrenzung steigt hier noch einmal beträchtlich an. Die Erfahrung einer Mutter macht das deutlich: sie erhielt nach dem Selbstmord Ihres Sohnes einen Zettel mit der Notiz: Eltern von Selbstmördern sind selbst Mörder (s. Helga Ide, Mein Kind ist tot, 1988). Hier wird von Außenstehenden das Leben zu einem unwürdigen gemacht.

Die Trauer um das verlorene Kind stellt also das eigene Leben tief greifend in Frage und oft genug sind sich die zurückgebliebenen Partner gegenseitig kein Trost. Ebenso wenig die noch lebenden Geschwister, welche unter einer doppelten Trauer zu leiden haben: dem Verlust des Geschwisters und dem "Verlust" der Eltern. Beziehungslosigkeit, Trennung und Scheidung sind als Folge des Todes eines Kindes häufig anzutreffen. Das gesamte System Familie wird unter Umständen zerstört.

Mit spezifischen Unterschieden wird dies von allen Eltern so empfunden, egal ob sie ihr Kind kurz nach der Geburt oder ein erwachsenes Kind, plötzlich durch einen Unfall oder nach langer Krankheit verloren haben, wobei jeder und jede ganz auf ihre eigene Weise damit umgeht.

Trauer ist eine gesunde Reaktion auf einen erlebten Verlust. Sie kann krankhafte Züge annehmen und dann eine therapeutische Begleitung benötigen. Zunächst einmal ist sie aber ein gesunder, genauer: gesundmachender und heilender Prozess. Er zielt darauf eine Beziehung jedenfalls zu sich selbst und zu den Mitmenschen, vielleicht auch zu Gott wieder neu zu finden. Der Weg durch die Trauer will wieder ein würdiges Leben ermöglichen, d.h. mit dem das Leben begleitenden Schmerz möglichst viele Facetten des Lebens wieder wahrnehmen zu können.


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