Der Bundesverband "Verwaiste Eltern in Deutschland e.V." (VEID) ist eine bundesweit arbeitende, überkonfessionelle Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht, Familien, die um ein verstorbenes Kind trauern ("Verwaiste Familien/Eltem/Geschwister"), Unterstützungs- und Begleitungsangebote zu machen. Das schließt eine intensive Öffentlichkeitsarbeit ein, deren Ziel es in besonderer Weise ist, die Anliegen und Bedürfnisse Verwaister Familien in die Gesellschaft hinein zu tragen und Menschen für ein immer weiter wachsendes Maß an Mitmenschlichkeit zu sensibilisieren und zu gewinnen.
Dabei ist die Hilfe, die Verwaisten Familien und ihren Angehörigen direkt oder indirekt zugute kommt, von Grund auf und aus ihrem tiefsten Inneren heraus Hilfe zum Leben. Denn wie das Familienleben sowie das Leben eines jeden Familienmitglieds nach dem Tod eines Kindes weiter gehen kann, ist nahezu für alle Betroffenen mit unendlich vielen Fragezeichen versehen. Das bedeute dass hier unbedingte und lebensnotwendige - im wahrsten Sinne des Wortes: die Not zum Leben wendende - Hilfe gebraucht wird. Diese Unterstützung zu geben und zu begleiten, ist Kernanliegen des VEID
Darüber hinaus setzt sich der Bundesverein dafür ein, dass Menschen, die insbesondere in ihren beruflichen Kontexten trauernden Familien begegnen, entsprechende Informations- und Fortbildungsangebote gemacht werden.
Dem Bundesverein verbunden fühlen sich - bzw. dessen Mitglied sind - bundesweit insgesamt ca.300 Gruppen für Verwaiste Eltern und Geschwister. Vielfach haben diese Gruppen ihr "Zuhause" in evangelischen oder katholischen Kirchengemeindehäusern und finden sich dort zu den Gruppentreffen zusammen.
Beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin wollen wir in der Agora informieren und das Gespräch anbieten: sowohl Menschen, die "einfach nur" interessiert sind, als auch die, die aus ihrer eigenen Betroffenheit heraus Fragen haben und den Kontakt suchen. Von unseren Erfahrungen beim Frankfurter Kirchentag 2001 wissen wir, dass einerseits zahlreiche Seelsorgerinnen ("Profis" und "Laien") das Gespräch mit uns suchen und um Informationsmaterial bitten und dass andererseits sehr viele Betroffene (trauernde Mütter, Väter, Geschwister, Großeltern, Paten, Freunde) auf uns zukommen: einfach um zu erzählen, aber selbstverständlich auch mit der Frage und Bitte um Vermittlung nach weitergehender Hilfe und Unterstützung.
In dem, was wir als VEID wollen und tun, sehen wir einen engen Bezug zum Leitwort des ersten ökumenischen Kirchentages in Berlin: Ihr sollt ein Segen sein.
Die Aufforderung, zum Segen für Menschen und Schöpfung zu werden, fußt auf der Zusage des göttlichen Segens: Ihr seid gesegnet. Daraus erwächst die Ermutigung: Und darum könnt ihr zum Segen für andere werden -ja, darum sollt ihr ein Segen sein.
Mit Segen ist jene göttliche Kraft benannt, die zum Leben hilft, die Leben ermöglicht, die neuen Zugang zum Leben öffnet; Segen ist Hilfe zum Leben.
Genau dies ist es, was trauernde Familien zutiefst bedürfen: Hilfe zum Leben. Vom Tod sind sie getroffen; sie sind erschreckt und verwirrt, sie fühlen sich in einen Strudel lebensfeindlicher Mächte hinein gezogen und brauchen gerade hier Unterstützung und Begleitung, die ihnen neu und zumeist auf einer langen Wegstrecke zum Leben wieder aufhilft. Verzweifelten, unaussprechlich verletzten, oft zunächst hoffnungslosen Menschen zur Seite zu stehen, verstehen wir als "Segensarbeit" - als ein Weitergeben und- schenken dessen, was wir an Kraft, Mut und Hoffnung geschenkt bekommen haben.
Zu den zentralen Segensworten in der Bibel gehört Gottes Wort an Abram, bevor dieser seine Heimat verlässt und in ein neues Land aufbricht: Ich will dich segnen (.), und du sollst ein Segen sein. (l.Mose12,2).
In mancherlei Hinsicht stellt sich die Situation Verwaister Familien ähnlich der Abrams und seiner Familie bzw. Sippe dar: Das, was eine Familie bisher in einer fein abgestimmten, je individuellen Balance ihres Familiensystems ausgemacht und getragen hat, ist durch den Tod eines Kindes von Grund auf in Frage gestellt. - Im Bild gesprochen: Eine solche Familie muss (wie Abram) ihre bisherige "Heimat" verlassen, um ein neues "Zuhause" und eine neue Balance für das verletzte Familiensystem zu finden. Für diesen beschwerlichen und anstrengenden Weg - auch hier eine Parallele zu Abram - sind nicht zuletzt Kraft, Mut und ein langer Atem notwendig - oder anders gesagt: eine solche Familie braucht Segen; sie braucht die gelebte Zusage jener Kraft, die weit über das Persönliche und Menschenmögliche hinaus ragt; sie braucht transzendenten, göttlichen Zuspruch. Erfahrbar wird dieser Zuspruch in besonderer Weise in der Begegnung mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben bzw. im Kontakt mit Menschen, die um die notwendige Hilfe wissen und bereit sind, sie zu geben.
Einen Bezug können wir zu allen vier Themenbereichen des Kirchentages finden bzw. herstellen. Besonders evident ist ein solcher jedoch für uns zu den Bereichen "Menschenwürde achten - die Freiheit bewahren" und "Weltgestalten -in Verantwortung handeln".
Bei trauernden Menschen kommen besondere Seiten und Facetten der Menschenwürde zum Vorschein. Für viele Mitmenschen sind gerade diese Seiten mit Tabus und erheblichen Ängsten belegt, so dass Trauernde in ihrer Menschenwürde ausgesprochen oft nicht gesehen und wahrgenommen werden. Ihnen wird allzu oft nicht die Freiheit zugestanden, ihren je eigenen Trauerweg zu entdecken und zu gehen. Dies zu ermöglichen - die "Menschenwürde achten" und damit zugleich helfen, "die Freiheit (zu) bewahren" - ist Motor und Ziel unserer Arbeit.
In dem Wissen, dass trauernde Menschen nach wie vor in unserer Gesellschaft oft nicht die erforderliche Achtung und die notwendende Zuwendung bekommen, ist es ein Ziel unserer Arbeit, gerade an dieser Stelle "Welt (mit zu) gestalten" und genau darin "in Verantwortung (zu) handeln". Verwaisten Familien Unterstützung und Begleitung anzubieten und Aufmerksamkeit für ihre Anliegen in die Gesellschaft zu erreichen bzw. sie wach zu halten, bedeutet für uns, in Verantwortung vor unseren Mitmenschen zu leben, zu gestalten und zu handeln.
Wir freuen uns immer über Vorschläge, wie wir unser Angebot ausbauen können. Schreiben Sie uns!
Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.