"Dem Herzen so nah", diese Worte standen über dem gut besuchten Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin, den der Bundesverband der Verwaisten Eltern e.V. (VEiD) mit dem Hamburger Institut für Trauer (ITA) vorbereitet hatte. Die Mitte des runden Kirchenraumes war mit einem Kreis aus roten Herzen geschmückt, zu denen während des Gottesdienstes weitere Herzen, mit Kindernamen beschriftet, und brennende Teelichte hinzu kamen. "Dem Herzen so nah" ist die Klage über den Tod der geliebten Kinder und ist die Sehnsucht nach ihnen. "Dem Herzen so nah" ist die Angst, ohne die Kinder weiterleben zu müssen und die Hoffnung, weiterleben zu können. "Dem Herzen so nah" sind Wut, Nichtverstehen, ungelebte Träume, Dunkelheit, Verzweiflung und Müdigkeit, aber auch die Bitte nach einer Wegweisung und der Öffnung des Herzens für eine Auferstehung. Das Herz, noch ausgefüllt von Schmerz, birgt doch zugleich alle unauslöschbaren Erinnerungen und die große Dankbarkeit, dass diese Kinder eine Weile mit uns leben durften. Das Herz ist der Sitz unserer Liebe. Dass die Liebe nicht vergeht, begreifen und erleben wir in unseren Herzen wieder und wieder. In unserem Herzen spüren wir, dass unser Kind dort einen Platz hat und immer haben darf dort spüren wir auch zuerst das zaghafte Licht, das eines Tages auf unseren Trauerweg scheint.
Klage, Tränen, Hoffnung und Zuspruch hatten in diesem zu Herzen gehenden Gottesdienst einen behüteten Platz.
"Dieser Gottesdienst war die Mitte meines Kirchentagsbesuches, alles andere wob sich um diese Mitte herum", sagte eine Mutter, als sie anschließend mit anderen Besucherinnen und Besuchern bei einem Kaffee zusammensaß.
Gisela Sommer


"Dem Herzen so nah!"
Verwaiste Eltern in Deutschland e.V. in Zusammenarbeit mit Institut für Trauerarbeit
Pastorin Kristiane Voll, Verwaiste Eltern e.V., Regionalstelle Rheinland
Lesung aus "Der kleine Prinz": "... Man sieht nur mit dem Herzen gut, ... ."
Ansprache
Liebe Mütter und Väter, liebe Geschwister und Familien, liebe Mitmenschen!
"Man sieht nur mit dem Herzen gut ...": Allein diese wenigen Worte machen deutlich, welch´ wichtige und zentrale Bedeutung das Herz hat. Was wir mit "Herz" meinen, geht weit über das Organ hinaus, das im Körper eines jeden Geschöpfes schlägt. Das Herz ist Symbol; es steht für das Leben - für den ganzen Menschen.
Dabei ist es eine uralte Erfahrung, dass das Herz ein ungeheuer empfindsames Wesen hat; schon die Bibel berichtet davon an vielen Stellen:
Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. (Ps22,15)
Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben. (Ps34,19)
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. (Lk2,19)
Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. (Mt5,8)
Mein Herz ist wie zerschmolzenes Wachs ... . - Gott ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind ...:Trauernde - Menschen, die um ein Kind, trauern, wie alt auch immer es gewesen sein mag - wissen in besonderer Weise davon, wie sehr ihr Herz durch den Tod eines vertrauten, geliebten Menschen leidet. Es ist wie zerschmolzenes Wachs, dahin geflossen, ohne Form und Halt; es ist zerbrochen - und der eine Bruchteil scheint oft wie verloren, wie fort gegangen auf Nimmerwiedersehen.
Wir sagen ja auch: "Das nehme ich mir zu Herzen.", "Das ist herzzerreißend." -oder auch: "Das bricht mir das Herz.". Wenn wir so sprechen, meinen wir es im übertragenen Sinne, aber nicht selten ist es sogar so, dass damit eine tatsächliche Wirklichkeit beschrieben ist.
In meiner eigenen Familie haben wir es nach dem Tod meiner Schwester erlebt, dass die Trauer sich in sehr unterschiedlicher Weise bei den einzelnen Familienmitgliedern niedergeschlagen hat: Nicht allein die Seele, sondern auch der Körper hat reagiert. So ist z.B. bei meiner Mutter das Herz zum Ort der Trauer geworden;
über längere Zeit kam es aus dem Rhythmus.
Ja, das Herz ist ein zentraler Ort für unser Erleben; es trägt nicht nur unser Blut bis in die letzten Ecken unseres Körpers, sondern hat feinste Antennen dafür, was mit einem Menschen geschieht und reagiert entsprechend darauf. Überdeutlich kommt uns die Empfindsamkeit unseres Herzens zu Bewußtsein, wenn uns Schmerzliches - ein Schicksalsschlag - trifft. Das geht nicht spurlos an unserem Herzen vorbei; wir wehren uns dagegen - wollen nicht, dass das so ist, weil es so grausam ist und praktisch unerträglich quälend ist. Dabei spüren wir, dass es aber kaum Möglichkeiten der Abwehr und der Gegenwehr gibt.
Die Gravur des Schweren würden wir meist wohl gern fernhalten. Darüber vergessen wir leicht, dass sich ja auch das Gute ins Herz einprägt: das Gute, das wir gern halten und bewahren wollen, das wir uns wünschen und ersehnen.
In der Trauer spüren wir den großen Schmerz; die Sehnsucht nach dem Kind, nach Schwester oder Bruder droht nicht selten alles zu zerreißen und zerbrechen. Unsere Wahrnehmung konzentriert sich auf diesen Schmerz. Er wird als umfassend und unendlich erlebt. Dass da auch noch etwas anderes ist - vielleicht zur Zeit verborgen - dass da Erfreuliches, Beglückendes, Liebe, Gelungenes sind, die sich ebenso tief ins Herz eingeprägt haben - gerät uns darüber manchmal aus dem Blick.
Dabei geben Freude, Glück und Segen einem Herzen Kraft - und zwar weit über den eigentlichen Moment hinaus. Dass ich mich daran erinnere, dass ich mir das bewußt mache, dass ich daran anknüpfe: Ich glaube und erlebe es auch selbst so, ist etwas, was in der Trauer unendlich wichtig ist und helfen kann.
Trauer ist die eine Seite der Medaille, und die andere Seite ist die Liebe, die Verbundenheit, Trauer und Liebe stehen in einem engen, untrennbaren Zusammenhang, sie bedingen sich gegenseitig. Ich hätte keine Trauer, wenn da nicht die Liebe und die Sehnsucht wären.
Trauer und Liebe sind wie Geschwister: Beide sind sie da. Da ist die Trauer, der Schmerz in meinem Herzen, aber da ist auch gleichzeitig die Liebe. So schwer das ist, so widersinnig und paradox es ist: Trauer und Liebe gehören zu dem Menschen, um den ich trauere.
Für mich bedeutet das: ich darf dem Menschen, um den ich trauere, einen Platz in meinem Herzen geben - nicht mein ganzes Herz, denn es gibt da ja auch noch anderes, aber einen wichtigen, guten Platz in meinem Herzen. So trage ich den Menschen in meinem Herzen. So ist ein Mensch - meine Schwester, mein Bruder, meine Tochter, mein Sohn, mein Enkel- und Patenkind - meinem Herzen nah!
"Dem Herzen so nah!": Wohl gerade auch in dieser Stunde und in diesem bergenden, schützenden Haus, in dieser Kirche, ist das Empfinden dafür groß.
"Dem Herzen so nah!": Das heißt: Ich denke an einen Menschen, nehme ihn hinein in mein Innerstes, und er ist mir nahe; und zugleich bin ich ihm nahe - gedenke seiner.
Für uns Menschen ist es gut und wohltuend, Zeichen des Gedenkens und der Erinnerung zu setzen. Für uns, die wir leben, ist das wichtig, aber auch bedeutungsvoll für die, die vorangegangen sind.
Ein Licht anzünden
In der Dunkelheit ein Licht anzünden.
Den Kopf heben.
Durchatmen.
Die Tränen abwischen.
Den Kopf in den Nacken werfen und nach oben blicken.
Die verkrampften Hände öffnen.
Den kreisenden Gedanken Einhalt gebieten. Lauschen.
Sein Herz auftun.
Sich den verwunderlichen Worten hingeben,
dass der Tod nicht das Ende ist, sondern der Anfang,
dass der Tod die unserer Welt zugewandte Seite des einen Ganzen ist, die Auferstehung heißt.
Ein Licht anzünden: ein Licht für die verstorbenen Kinder und Geschwister, ein Licht, das ihnen und uns, die wir leben, leuchtet. Das soll in unserem Gottesdienst seinen Platz haben dürfen. Und so laden wir Sie und Euch ein, einen jeden und eine jede, die mag, hier in unserer Gemeinschaft und im Angesicht Gottes eine Kerze anzuzünden und - wer mag - ist herzlich eingeladen, auf einem der ausliegenden Herzen den Namen des Bruders, der Schwester, des Kindes oder auch ein Symbol für das Kind aufzuschreiben. Während wir das tun, wird uns Musik begleiten.
Orgelimprovisation zu "Weißt du wieviel Sternlein stehen ..." + Herzen beschriften + Lichter entzünden
Weißt du wieviel Sternlein stehen ...? - Nein, das wissen wir wohl nicht. Sie sind so unzählig, wie unsere Liebe, unsere Sehnsucht, unser Empfinden für das verstorbene Kind, den Bruder, die Schwester ungezählt ist.
Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt? Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet. - Gott hat sie gezählt: Vertrauensvoll drückt es das Lied aus. Uns kommt es vielleicht eher trotzig, zweifelnd, fragend über die Lippen - vielleicht auch hoffnungsvoll.
So wie die Sterne gezählt und benannt sind von Gott, so sind auch unsere Zärtlichkeit, unser Ringen und Hadern, unsere Sehnsucht, unsere Herzlichkeit und Liebe zum verstorbenen Kind, zur Schwester und zum Bruder gezählt. Sie sind nicht flüchtig, nicht zerstreut, sondern aufgehoben und geborgen. In guten, sicheren Händen sind sie: aufgehoben bei Gott.
Dass die Liebe nicht vergeht: das begreifen und erleben wir in uns wieder und wieder - spüren es in unserem Herzen: Das verstorbene Kind - wie winzig klein oder wie groß auch immer es gewesen sein mag - hat seinen Platz. Und diesen Platz darf es haben. Ja, das ist Trauer; das ist Weg und Ziel von Trauer: dass ich dem verstorbenen Menschen den ihm gebührenden Platz in meinem Innersten, in meinem Herzen, in meinem Leben gebe. Trauer ist nicht ausreißen und beenden von Beziehung. Vielmehr bedeutet Trauern, verwandeln und neu gestalten jener Beziehung, die ich im Handgreiflichen nicht mehr haben kann.
Rainer Maria Rilke hat einmal gesagt: Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand.
Hier im Leben auf dieser Erde können wir anpacken, zupacken, ergreifen, begreifen, streicheln, liebkosen, zufassen mit unseren Händen. Lebt ein Mensch in jener Welt jenseits des Todes, dann ist dieses direkte Zupacken nicht mehr möglich, aber was wohl möglich - ja sogar lebensnotwendig: die Not zum Leben wieder hinwendend nötig ist, das ist: dass ich einen Menschen mit meinem Herzen fassen kann und darf. Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand.
Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand. - Wenn auch mit schwerem, wehmütigen Herzen, aber doch einem Herzen voller Liebe, kann ich so sprechen. Vielleicht mögen auch Sie und Ihr es ausprobieren, es zu sagen. Vielleicht braucht es auch gar kein Ausprobieren, weil es sicher ist: Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand.
Wenn ich diese Worte höre und spreche: hier an diesem Ort - in einer Kirche, dann tue ich es auch in dem Vertrauen - so zögerlich und winzig es manchmal auch sein mag - dass Gott so spricht und es verspricht: Ich fasse dich mit meinem Herzen wie mit einer Hand. Dich, der du schon eingetaucht bist in die göttliche Wirklichkeit jenseits des Todes, und dich Mensch, der du auf Erde lebst. Amen.
Kristiane Voll 2003
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Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.