
Engelstunde . April 2009
Jahrestreffen der Verwaisten Eltern Mitteldeutschlands am 18. April 2009 in Leipzig
"Eigentlich habe ich mit Engeln nichts im Sinn ", mit diesem Gedanken reise ich zum Mitteldeutschlandtreffen der Verwaisten Eltern nach Leipzig. Neben dem Austausch der Gruppen soll es auch um "Engel" gehen. Weder in den Gruppen noch in den Einzelbegleitungen bin ich bisher auf das Thema Engel gestoßen. Sie nerven mich, diese geflügelten Wesen, die man inzwischen inflationär in jedem Shop angepriesen bekommt. Schutzengel in allen Varianten. Wo war eigentlich der Schutzengel für meinen Sohn, als er vor sieben Jahren bei einem Sportunfall verunglückte? Ich bin eher wütend und reise neugierig zum Treffen.
In der neuen Geschäftsstelle in Leipzig, ein kleines, liebevoll eingerichtetes "Zuhause" für den Verein, ist für diesen Tag der Schreibtisch umfunktioniert in einen "Engel-Altar". Jeder hat etwas Engelsgleiches mitgebracht -eine Mischung zwischen Kitsch und Kunst. Für jene, die sie mitbrachten, hat jeder Gegenstand jedoch eine ganz persönliche Bedeutung. In diesem Fall für 16 Frauen und Männer aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, Gruppenbegleiter, verwaiste Eltern. Während ich die Figuren, Bücher, Karten neugierig betrachte, fällt mir ein, dass mein Mann seit Jahren an seinem Schlüsselbund einen Engel mit sich trägt. Und der Kerzenständer-Engel auf dem Kamin ist mir eigentlich inzwischen auch ans Herz gewachsen. Vielleicht habe ich ja doch etwas mit Engeln im Sinn ?
Den Frühlingsgruß in Gelb und Orange aus der Mitte des Kreises bekommt Christine Marzin überreicht. "Ich bin heute das letzte Mal hier", sagt sie. Fünfzehn Jahre lang hat sie die Gruppe in Glauchau-Lichtenstein geleitet. "Fünfzehn Jahre lang war sie Engel für Eltern", sagte Beate Bahnert vom Vorstand des Bundesverbandes und überreicht als Dank den Strauß. Nun will Christine die Gruppe weitergeben. Das ist schwieriger, als sie glaubte. "Eigentlich habe ich es schon länger angekündigt, aber so richtig hat es mir wohl niemand geglaubt", sagt sie ein wenig traurig, denn sie will schon gern die Arbeit der letzten Jahre in vertrauensvolle Hände geben. Jeder der Anwesenden weiß, dass die Hemmschwelle bei so manchen sicher auch daher rührt, weil Christine als kreative Quelle stets mehrere Ideen auf einmal für einen Abend vorbereitet hatte. Und somit seien die Erwartungen groß. Schnell entwickelt sich ein reges Gespräch darüber, worauf man achten sollte, wenn die Gruppenleiter den Staffelstab weitergeben wollen. Von ihren Erfahrungen berichtet auch Christa Herrmann. Sie ist mit 81 Jahren die älteste hier und war ebenfalls Jahre lang Engel für die Eltern rund um Wolfen-Bitterfeld. Am Ende sind sich alle einig, dass sich jeder Gruppenleiter eben auf seine ganz persönliche Weise einbringt und viel wichtiger sei, dass jeder Toleranz, Demut und die Kunst, sich selbst zurückzunehmen, mitbringt. Das ist schließlich, was zählt. Heute hat Christine für jeden, kaum kann es anders sein, eine kleine Überraschung mit. Einen getöpferten Wunschstein. "Ihr könnt ihn beim nächsten Besuch am Meer oder Fluss den Wellen übergeben und euch etwas wünschen für eure Kinder."
Nachdem sich alle über anstehende Termine und konkrete Projekte austauschten, bekommen sie endlich ihren Platz -die Engel.
"Engel -das heißt Bote", leitet Beate Bahnert ein. "Sie sind stets erreichbar, gehen, in ihrem Auftrag auf Sie sind Lichtträger." Engel gäbe es in allen Religionen. Allein in der Bibel sei an über 300 Stellen von Engeln die Rede. Es ist eine kleine, interessante Zeitreise durch Religionen, Geschichte, die letztlich natürlich auch bei den heutigen Schutzengeln landet. "Spannend", denke ich. Meine Neugier ist geweckt, als Beate davon erzählt, dass der erste Rauschgoldengel von einem Nürnberger Puppenmacher hergestellt wurde, weil er seiner verstorbenen kleinen Tochter auf diese Weise Gestalt geben wollte.
Die Dresdener Gruppenleiterinnen Heike Schiffner und Kerstin Gleißberg berichten dann von ihrem "Engelabend" in der Gruppe. In der Hand hält Heike einen kleinen glitzernden Engel, den damals jeder bastelte und mit nach Hause nahm. Ich bin tief berührt von den Gedichtzeilen, die sie aus einem Rilkegedicht "Engellieder" vorträgt.
" Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt "
"Wir haben damals Gedanken in die Runde gegeben, als Impulse gewissermaßen", berichtet Heike von diesem Abend. "Bloß nichts reininterpretieren, sondern jedem die Chance geben, für sich selbst zu entscheiden, ob und welchen Zugang er zu diesem Thema findet. An welcher Stelle können wir in unserem Leben Engel finden? Vielleicht ist es bei den einen der erste Gedanke an das verstorbene Kind? Vielleicht aber können wir in unseren Gruppen uns gegenseitig Engel sein im Beieinandersein? Und können wir vielleicht in unserem eigenen Trauerprozess lernen, für uns selber Engel zu sein, so dass es uns gut geht?" Kaum hat sie die Fragen ausgesprochen, beginnt es, in mir zu arbeiten und ich suche und finde gern meine eigenen Antworten für mich. Und auf einmal sind Engel nicht mehr fremd und schon gar kein Grund, wütend zu sein.
Auf einmal ist es wie eine Engelbörse. Selbstgebastelte Windlichter mit Engelmotiven, Engelkarten, Engelkalender, gebastelte Engel füllen den Raum. Conny Günther aus Gera liest eine berührende Geschichte aus dem Buch "Ich geb dir einen Engel mit " vor, während jeder der Anwesenden sich seinen eigenen Engel bastelt. Dazu hat Beate ein paar Perlen und weiße Federn mitgebracht. Zwei Federn , von beiden Seiten, in die Öffnung gesteckt, ergibt einen Engel. Ganz einfach. Und mit Platz für viel Phantasie. Und ganz nebenbei entspinnt sich eine Diskussion über Glauben überhaupt. Allein das Thema wäre abendfüllend. Und allein hier 16 Meinungen, 16 Stimmen, und am Ende 16 kleine weißfedrige Engel.
"Manchmal merke man gar nicht nicht, dass man einen Engel trifft. Erst im Nachhinein wird es klar", sagt Holger Günther und spricht aus, was viele denken.
Am Nachmittag klingt das Treffen mit vielen persönlichen Gesprächen aus. Im Gepäck hat jeder seine Engel, seine Gedanken und jede Menge neue Anregungen und Sichtweisen. Zuhause packe ich meinen Wunschstein und meinen kleinen, gebastelten Engel in eine kleine Schatulle, denn sie sind kostbar und haben seit heute auch Bedeutung für mich.
Katrin Hartig
Trauernde Eltern und Geschwister Sachsen-Anhalt
Nachsatz: Diese Veranstaltung haben wir zu dritt betreut. Ich hatte den "Kopf frei" für die Moderation. Silke Friederici, die beim Bundesverband eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert hat, kümmerte sich um alles "im Hintergrund". Für die Verpflegung sorgte Christine Schneider. Silke und Christine sind Engel, die seit einiger Zeit ehrenamtlich in der Geschäftsstelle tätig sind. Vor allem möchte ich mich aber ganz herzlich bei den Teilnehmer/inne/n für Ihre Beiträge, ihre Kreativität und das so angenehme, anregende Miteinander bedanken. Es war, um im Bild dieses Tages zu bleiben, wirklich "beflügelnd".
Beate Bahnert
Wir freuen uns immer über Vorschläge, wie wir unser Angebot ausbauen können. Schreiben Sie uns!
Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.