Ich sann nach, ob ichs begreifen könnte, aber es war mir zu schwer, bis ich ging zum Heiligtum Gottes.
Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist doch du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. Psalm 73,16/23 - 26 -
Ansprache bei der Beerdigung von
Wilhelm Söllner
am 4.Dezember 1992
in der Neustädter Friedhofskirche
Übersetzung der Guten Nachricht
16 Ich mühte mich ab, das alles zu verstehen, aber es schien mir ganz unmöglich.
17 Doch dann kam ich in dein Heiligtum.
23 Und doch, Gott, ich komme von dir nicht los! Du hast meine Hand ergriffen und hältst mich;
24 du leitest mich nach deinem Plan und holst mich am Ende in deine Herrlichkeit.
25 Wer im Himmel könnte mir helfen, wenn nicht du? Was soll ich mir noch wünschen auf der
Erde? Ich hab doch dich!
26 Auch wenn ich Leib und Leben verliere, du, Gott, hältst mich; du bleibst mir für immer!
Liebe Leidtragende!
Liebe Schülerinnen und Schüler!
Liebe Lehrer und Eltern!
Liebe Trauergemeinde!
Wir dachten nach ob wirs begreifen könnten, und wir alle sagen in unserer Betroffenheit: Das kann doch nicht wahr sein? Wie konnte Wilhelm so von uns gehen? Warum haben wir nichts gemerkt? Was ist da in ihm vorgegangen? Wir hätten doch diesem freundlichen und zurückhaltendem jungen Manne so gerne geholfen. Er hatte doch uns Eltern und Lehrer, Freunde und Kameradinnen. Wir hatten doch nicht den Eindruck, dass er sich uns verschlossen hätte. Wir lebten nebeneinander her und sahen nicht, was in ihm vorging. Und so jagt eine Frage die andere. Der 73.Psalm nimmt unsere Betroffenheit auf: Wir denken nach, ob wirs begreifen könnten. Aber es ist uns zu schwer.
Jetzt nach seinem Tod klagen uns unsere Gedanken an. Hätten wir nicht doch etwas merken und tun müssen. Und wie kann Gott so etwas Schreckliches zulassen. Ist er nicht ein Gott des Lebens, ein Gott der Liebe. Wir hätten doch ...ja vielmehr er hätte doch .... Vielleicht sind Sie sogar zornig: So kann doch nicht einfach ein Leben zu Ende gehen... Ich dachte nach, ob ichs begreifen könnte, aber es ist mir zu schwer.
Der von diesen unlösbaren Fragen gebeutelte Beter des 73. Psalmes sagte es so: Bis dass ich ging zum Heiligtum Gottes. Auf dieser Grundlage sind wir jetzt auch vor der Beerdigung in das Haus Gottes gegangen um nachzudenken über den Weg Gottes und unseren Weg.
Die Weihnachtszeit erinnert uns an Gottes Wege. Denn ist nicht der November und der Dezember ein Monat, in dem es immer dunkler wird? Und heißt nicht Weihnachten feiern, Gott danken, dass er Licht in diese unsere Dunkelheit bringt? Die wichtigsten Erfahrungen mit Gott kann man nur erzählen. Gott lässt sich nicht in Gedankengänge hinein zwängen. So hören wir von Maria und Josef, die in die Fremde ziehen mussten. In einem unzumutbaren Notquartier kam dann das Jesus zur Welt. Als ein Flüchtlingskind wurde er ins Ausland gebracht. Später lebte er mit seinen Eltern sehr einfach. Als junger Mann fiel er nach großen Erfolgen einer tödlichen Feindschaft zum Opfer. Ja hat er nicht vor Gott auf den Knien gelegen und gebetet: Vater; lass dieses Leiden an mir vorübergehen. Erspare mir dieses schreckliche Sterben. Aber dann doch, der Entschluss: Ich bleibe bei dem Vater, auch in dieser schlimmen Situation. Ich dachte nach, dass ichs begreifen könnte. Aber es war mir zu schwer. Gott hat Jesus gerade hier nicht losgelassen.
Er hat ihm ein grausames Sterben zugemutet und ihn hindurchgeführt zu neuem Leben, nicht nur eine nochmalige Gnadenfrist gegeben, sondern ihn in die neue Schöpfung hineingeholt. Ich dachte ihm nach, dass ichs begreifen möchte, es war mir zu schwer. Bis ich ging ins Heiligtum Gottes, hörte auf das, was Gott tat.
Denn das gilt nicht nur für Jesus, sondern das gilt auch für Sie und mich, und genauso für Wilhelm.
Der Beter des 73. Psalmes drückte es so aus: Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Die dunklen Stunden, die Wilhelm in der Nacht zum Sonntag ging, sind und bleiben uns wohl verborgen. Aber daran dürfen wir uns halten: Er, unser Gott und Heiland hat und wird ihn nicht losgelassen. Was bei der Taufe ihm zugesprochen wurde, dass er ganz persönlich zu diesem Gott gehört, gilt weiterhin. Und wenn wir drängend fragen, kann das dein guter Wille sein? Vielleicht hilft uns dann der Spruch weiter, den sich Wilhelm vor zwei Jahren bei seiner Konfirmation selber ausgesucht hat: Verlas dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand (Sprüche 3,5). Wenn wir von dem unbegreiflichen Geschehen auf den Herrn sehen, dann können wir auch bitten den zweiten Teil des Konfirmationsspruches annehmen: Sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen. (Vers 6).
Und wenn Ihr, liebe Schulkameradinnen und Kameraden unsres Wilhelm, aus allen jugendlichen Plänen, Träumen, Hoffnungen zurückgeholt werdet in eine rauhe Wirklichkeit, oder wenn ihr über den Zustand der Welt und der menschlichen Gemeinschaft zu verzweifeln droht oder auch vielleicht einmal entsetzt seid über die Möglichkeiten, die sogar in eurem eigenen Innern schlummern, wenn ihr in allem Nachdenken, dass ihrs begreifen könntet und es euch zu schwer ist dann geht nicht einfach darüber hinweg und sagt, das geht wieder vorüber, sondern sucht einen Freund, eine Freundin, eine oder einen Erwachsene(n), zu dem ihr Vertrauen habt, und redet mit ihm darüber. Ich würde euch wünschen, dass ihr eine Christin oder, einen Christen findet die oder der euch zu dem Jesus hinführt, mit euch leidet und mit und mit euch einen Weg findet. Oder wie der Konfirmationsspruch sagt: dann verlasst euch auf den Herrn und nicht auf euren Verstand, dann bleibt an ihm, denn er hält euch bei eurer rechten Hand, dann vertraut euch ihm an denn er leitet euch nach seinem Rat und nimmt euch am Ende in Ehren an also nicht in Gnaden, sondern mit der Anerkennung, ich liebe dich, ich habe auf dich gewartet, du bist mir recht.
Und Sie, liebe Eltern und Leidtragende, die Sie wie wir alle in dieser Stunde von Fragen hin und hergerissen sind, wir wollen in diesen Advents- und Weihnachtstagen beim stillen Glanz einer Kerze und der alten Weihnachtsgeschichte hingehen zu dem Herrn, der uns in unserer Finsternis kennt und versteht und vor allem uns nahe ist, auch wenn wir nichts davon spüren. So wie es Paul Gerhardt in seinem Adventslied singt:
Das schreib dir in dein Herze,
du hochbetrübtes Heer,
bei denen Gram und Schmerze,
sich häuft je mehr und mehr;
seid unverzagt, ihr habet
die Hilfe vor der Tür,
der eure Herzen labet
und tröstet, steht allhier.
Ihr dürft euch nicht bemühen
noch sorgen Tag und Nacht
wie ihr ihn wollet ziehen
mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen,
die ihm an euch bewusst.
Der 73.Psalm betet mit uns so: Wenn ich nur dich habe, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist doch du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.
Ich dachte ihm nach, dass ichs begreifen könnte, aber es war mir zu schwer. Gebe es Gott uns allen, dass wir ihn sehen oder wenigstens erahnen und darum uns an ihn halten und erfahren, er lässt uns nicht los. Er hält uns und leitet uns und nimmt uns am Ende mit Ehren an.
Diese Gewissheit verleihe Gott uns allen.
Amen.
Rudolf Henzler
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Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V.