Am 26. April 2008 trafen sich Gruppenleiter und Mitglieder der Selbsthilfegruppen Mitteldeutschlands in der Geschäftsstelle des Bundesverbandes in der Dieskaustraße 43 in Leipzig.
Vertreten waren die Selbsthilfegruppen oder „Einzelkämpfer“ aus Aue-Schwarzenberg, Erfurt, Glauchau-Lichtenstein, Grimma, Halle, dem Leipziger Land, Magdeburg, Ostthüringen, der Region Spreewald, Stollberg (Erzgebirge) und Torgau. (s. Teilnahmerliste)
Die Bundesvorsitzende Petra Hohn stellte bei der Begrüßung fest, dass seit einiger Zeit „etwas zu wachsen beginnt in Deutschland“. Auch das Europanetz beginne langsam zu greifen. Das hatte auch das zehnjährige Bestehen des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland, das im September 2007 in Leipzig begangen wurde, deutlich gezeigt. Die Teilnehmer sprachen Petra ihren Dank für die gelungenen Veranstaltungen des Jubiläum aus. Mechtild Voss-Eiser ist jetzt Ehrenvorsitzende des Verbandes und bekommt endlich den Dank, der ihr zusteht.
Zur Sprache kamen u. a. folgende Punkte:
· Eigene Betroffenheit ist kein Qualitätssiegel für Leitung einer Selbsthilfegruppe. An erster Stelle müssen immer die anderen stehen, nicht das eigene Ego. Wichtig sind der Austausch und die Vernetzung, aber auch die Möglichkeit, sich schützen zu können.
· In Mitteldeutschland ist Dresden absoluter Vorreiter.
· Die Gruppen müssen selbst mehr Öffentlichkeit vor Ort schaffen und sich Partner suchen.
· Der Bundesverband hat das Spendensiegel beantragt.
· Medien: Fernsehen etc. wollen meist nur auf die Tränendrüsen drücken. Petra berichtete von geschmacklosen Beispielen. Im Gegensatz dazu setzten sich aber auch Prominente mit Sachverstand und Phantasie ein, den Bundesverband bekannter zu machen (Claudia Effenberger; besonders Luci van Org als Schirmherrin). Katrin Hartig als Fachfrau im Medienbereich sagte eindringlich: Wir brauchen dringend Öffentlichkeit, aber keinen Voyerismus - und wir müssen Geschichten erzählen.
Arbeit mit Filmen in Selbsthilfegruppen
Katrin Hartig, Fernsehjournalistin und Kulturwissenschaftlerin, gab Anregungen dafür, in Gruppen mit Filmen zu arbeiten. Zwar ist genau zu überlegen, was wie zum Einsatz kommt. Aber das gemeinsame Anschauen eines Films kann die Gruppe für Angehörige öffnen. Anders als im Kino besteht hinterher die Möglichkeit, von der Gruppe aufgefangen zu werden.
Vorgestellt wurden drei hervorragende Filme, die auf Video erhältlich sind:
1. „In Amerika“ (2002), ab 12. Eine Familie hat ein Kind verloren und will in New York ein neues Leben anfangen.
2. „Wer früher stirbt, ist länger tot“ (2006). „Traumfilm“ ab 6. Eine Familie ohne Mutter, Schuldgefühle des Sohnes, Umgang mit nachgelassenen Gegenständen, mit herrlichem Sarkasmus erzählt.
3. „Das Zimmer meines Sohnes“ (2001). Männertrauer – Frauentrauer
Nach Anschauen des Films und entsprechender Ruhephase sind sehr unterschiedliche Übungen möglich: Malen, Gegenstand aus Film aufgreifen, Fragen spontan beantworten lassen (Welche Person hat dich am meisten beeindruckt? Mit wem würdest du den Film noch einmal ansehen?)
Buchvorstellung: Maxi Wander
Kerstin Schiffner aus Dresden erzählte zuerst von der Arbeit ihrer Gruppe(n). Dazu gehören z. B. gemeinsame Wanderungen mit der Gruppe Lichtenstein (die große Teilnehmerzahl ließ an Grenzen stoßen), zweimal im Jahr stattfindende Frühstückstreffen und die „Dezemberabende“ zu denen namentlich eingeladen wird. Etwas 30 Leute treffen sich beim Essen und zu einem bestimmten Thema, meist Literatur. Achtung: Nicht zu früh planen, da sich frisch betroffene Trauernde keine Termine merken können.
Kerstin Schiffner stellte auf sehr bewegende, einfühlsame und eindringliche Art Maxi Wanders (1933–1977) „Tagebücher und Briefe“ vor. Es ist bereits 1977 im Buchverlag Der Morgen in Berlin erschienen. Dieses sehr bekannte Buch braucht keine Kommentierung über sich selbst hinaus. Es wird meist unter dem Aspekt des frühen Todes der Autorin gelesen. Kerstin Schiffner hat es immer wieder gelesen und zeigte den Anwesenden vor allem Maxis Trauer um den Verlust ihrer Tochter Kitty. Die wunderbare Lesung von Kerstin ist auch ein Beispiel für die Langzeitwirkung von guter Literatur, die je nach eigener Lebenssituation immer wieder auf besondere Weise ansprechen kann.
Literatur bietet viele Möglichkeiten. Petra sprach auch anderen aus dem Herzen, die einen kleinen Schatz von Lyrik bei sich haben, der sie je nach persönlicher Stimmungslage trösten kann.
Immer wieder erstaunlich ist das kreative Potenzial in den Selbsthilfegruppen. Christine Marzin (Glauchau-Lichtenstein) zeigte wieder Fotos von Gestaltung mit Kohle, das ganz besondere sinnliche Erfahrungen bringt. Die Verwaisten Eltern Leipziger Land haben im Märchengarten Kohren-Sahlis (jetzt Gnandstein) einen Sternenhimmel für ihre Kinder aus Keramik gestaltet.
Im veid-Rundbrief wünschen sich alle noch mehr Anleitungen für Gruppen, z. B. Rituale.
Allen hat der Austausch miteinander sichtlich gutgetan und sie nehmen viele Anregungen mit nach Hause und in ihre Gruppen.
Für das nächste Treffen wünschen sich alle Informationen zu „Rechten im Todesfall“. Dazu wird Stephan Hadraschek vom Vorstand des Bundesverbandes eingeladen. Er arbeitet im Bestattungshaus Otto Berg in Berlin.
Nächster Termin: 18. April 2009, wieder in Leipzig.
Beate Bahnert
Pressesprecherin und Schriftführerin veid
23. 5. 2008