Die Perle
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Hier dazu die Geschiche „Die Perle“, von Adolf Heimler:

 

Die Perle

Eine Geschichte von einem verlorenen Schatz, von der Sehnsucht und dem lebenslagen Suchen danach - und dem unerwarteten Wiederfinden.

 

Es war einmal eine Muschel, der an Größe und farbiger Zier kaum eine gleichkam. Schon manches Jahr wurde sie von den tiefgründigen Welle des Meeres gewiegt. Sie barg ein zartschimmerndes Kleinod, eine Perle, die aus der Abwehr des Tieres entstanden, dem Menschen zur Kostbarkeit wird.

 

In einem Jahr brach der Frühling mit solcher Macht über den Winter her, die feuchtwarmen Winde bohrten sich in die riesigen Schneemassen, die Flüsse schwollen zu Strömen an, dass das Eis mit Getöse barst und die Schollen in wilder Hast dem Meer zustrebten. Das bäumte sich auf gegen den eisigen Ansturm, warf seine Wellen haushoch in wilder Wut gegen die Ufer und wühlte seinen Grund auf mit unbändiger Kraft. Nach einigen Tage, da Strom und Meer eins geworden waren und der Winter sich der alles erwärmenden Sonne gebeugt hatte, wanderte ein Knabe durch den feuchten Sand, hob hier und da ein Schneckenhaus, dort das Gerüst eines Seesternes auf, drückte den Sand durch die Finger und sprang vor einer heftigen Welle zurück. Da blieben seine Augen an einer Muschel hängen, die war bestimmt dreimal so groß wie seine Handflächen. Voll Staunen kniete er nieder und grub sie aus dem Sand aus. Er versuchte, sie zu öffnen: Nur einen schmalen Spalt konnte er die beiden Schalen auseinanderzwängen. Da sprang er auf, um mit seinem Schatz nach Hause zu laufen: plötzlich aber kam eine übermütige Welle und entriss seinen kleinen Händen das kostbare Gut.

Der Tränen unfähig in seiner schmerzenden Enttäuschung, lief der Knabe heim und erzählte den älteren Brüdern sein Erlebnis. Die aber verlachten ihn ungläubig. Da bewahrte er sein Wissen in seinem Herzen und machte sich auf die Suche nach der Perle. Tag um Tag stand er der Unendlichkeit des Meeres gegenüber. Er kannte das silbrige Glitzern der Oberfläche, wenn die ersten Morgenstrahlen die Dunkelheit zerschnitten. Er lachte in heller Freude, wenn das Wasser einem Wuschelkopf glich, den die Finger des Meeres zerzausten. Er stand in banger Angst abseits, wenn die Wogen - gleich riesigen schwarzen Ungeheuern - sich immer tiefer ins Ufer fraßen und verschlangen, was ihnen in den Rachen stürzte. Er kannte und liebte die Nacht am Meer, wenn sich die Sterne blankwuschen, während der Wind schweigend in den Bäumen hockte und ihnen zusah.

 

Er wuchs heran zum Mann, und die Sehnsucht in drin wuchs mit. Er ­lernte Tauchen und erfuhr, dass das Meer ungeahnte Schönheiten birgt, die sich nur dem auftun, der sich den Tiefen anvertraut. Er brach manches zauberhafte Korallengewächs und  brachte es mit zerschundenen Händen ans Tageslicht, wo es seine Leuchtkraft verlor.

 

Er erbrach manche Muschel, die eine kostbare Perle barg, aber seine Perle konnte er nicht finden. Er warf ungezählte Male sein Netz aus und tat manchen guten Fang. So vergingen die Jahre. Seine Schritte wurden langsamer, als wüssten sie nicht mehr so recht wohin: der Rücken beugte sich geduldig der Last der Tage, die Augen konnten der Sonne nicht mehr standhalten, und sein Herz begann zu trauern. Eines Abends fuhr er allein in seinem Boot aufs Meer hinaus, um den Abschied der Sonne zu kosten. Da brach in ihm die bange Frage auf und verdüsterte seine Seele, ob er sein Leben vertan habe, Kälteschauer der Enttäuschung durchfuhren ihn. Er wand sich unter dem erbarmungslosen Zugriff der Verzweiflung. Er hatte die Perle verloren und nicht wieder gefunden. Wofür hatte er gelebt?

 

Sein Boot fand in der Finsternis der hereingebrochenen Nacht von selbst den Weg zum Ufer. Er irrte über den grauen Strand und stieß sich am Gestein wund. Als sich jedoch der neue Tag ankündigte, hatte sein Herz sich beruhigt, und ein tiefer Friede stieg in ihn, auf. Die Perle, der kostbarste Schatz und sein tiefstes Geheimnis, die er zeitlebens in seinem Inneren bewacht und genährt hatte, strahlte plötzlich in ihm selbst auf und durchdrang ihn mit ihrem Schimmer so sehr, dass er das Leuchten in seinem Gesicht nicht verbergen konnte.

 

Allen aber, deren Herz nicht verschlossen ist, bringt er seither die Botschaft von seiner Perle.

 

Adolf Heimler

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