Schon sehr früh wurde uns in unserer Arbeit mit Verwaisten Eltern bewusst, dass der Tod eines Kindes eine Tragödie für die ganze Familie bedeutet, nicht nur für die Eltern. Wir haben erkannt, dass die trauernden Geschwister in ihrem Leiden oft übersehen , ja- vergessen werden. So widmen wir ihnen heute unsere besondere Aufmerksamkeit und entwickeln ganz eigene Hilfsangebote für sie (siehe unsere website, www.veid.de , unsere Geschwistergruppen , -Seminare und -Freizeiten).
Überlebende Geschwister können verschiedenen Alters sein; und je nachdem haben sie nach dem Tod ihres Bruders oder der Schwester mit ganz besonderen Problemen zu kämpfen.
Wer denkt dabei schon an die erwachsenen Geschwister, die nicht mehr im Elternhaus leben? Sie können fort sein zum Studium, zur Ausbildung, arbeiten vielleicht in einer anderen Stadt oder gar im Ausland oder sie sind verheiratet und leben bei ihrer eigenen Familie.
Dennoch, sie bleiben Teil der Familie, die sich nun um ein Weiterleben nach dem Tod eines Kindes bemüht.
Der Verlust von Geschichte
Jede Familie hat ihre ganz eigene Geschichte mit all den gewachsenen Beziehungen, die Teil der Geschichte wurden. Wenn ein Geschwister stirbt, sind alle Beziehungen erschüttert , und die Familiengeschichte ist in Teilen unwiederbringlich zerstört.
Es wird Erinnerungen geben, die man mit niemandem mehr teilen kann.
So schreibt Barbara Rosof in ihrem Buch, Der schlimmste Verlust - Wie Familien den Tod ihres Kindes überleben:
Heute sind Familien kleiner. Manche Kinder haben nur ein Geschwister. Wenn diese dann ihr Geschwister verlieren, sind sie alleine, sind Einzelkinder, ein einsamer Überlebender. Das Kind mit dem sie aufgewachsen sind, mit dem sie ihre Kindheit verbrachten, teilten, ihr Zeitzeuge, hat sie verlassen.
Die Lücke in der Familie
Die schmerzliche Seite dieser Lücke beschreibt Richard A. Dew in "Rachel`s Cry: Eine Reise durch die Trauer, eine Gedichtsammlung, die er nach dem Tod seines Sohnes Brad schrieb:
Familienkreis
In meiner Familie gibt es viele Rollen, die ausgefüllt werden müssen:
Einige spielen Ernährer, den Friedensstifter, den Problemlöser, Helfer und Heiler
Andere sind Unterstützer, Tröster, Erzieher
Und wieder andere sind Handwerker, Lernender und Lehrer.
Es können neue Rollen in der Familie entstehen, die man zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Ein überlebendes Geschwisterkind muss möglicherweise einen Bruder oder die Schwester als den Betreuer für die Eltern ersetzen, ein anderer könnte als Vormund für überlebende Nichten und Neffen eingesetzt werden
Die Übernahme dieser neuen Rolle kann für erwachsene Geschwister bewirken, dass sie gleich zu Beginn ihres Trauerweges aufhören, sich mit ihrem eigenen Schmerz und Verlust zu beschäftigen.
Ein anderer Aspekt dieser Zerstörung von Rollen kann dazu führen, dass sich der Überlebende verlassen fühlt von seinem Bruder oder seiner Schwester, dessen Rolle vielleicht die des zuverlässigen Verbündeten in Krisenzeiten war - und dies ironischerweise ausgerechnet zur Zeit der größten Lebenskrise.
Reue
Da mag es Zeiten geben, in denen sich erwachsene Geschwister aus dem einen oder anderen Grund nicht sonderlich nahe stehen. So kann es sein, dass der trauernde Bruder oder die Schwester Reue empfinden oder gar Schuld, weil sie sich entfremdet hatten.
Barbara Ascher, deren jüngerer Bruder im Alter von 31 Jahren starb, schreibt in ihrem Buch, Landschaft ohne Schwerkraft:
"Geschwister mögen zu Lebzeiten ambivalente Beziehungen haben, aber wenn einer stirbt, dann würgt die Kraft ihrer Bindung zueinander das überlebende Herz. Der Tod erinnert uns daran, dass wir Teil desselben Flusses sind, desselben Stromes aus derselben Quelle, dem gleichen Schicksal entgegeneilend.
Waren wir uns nahe? Ja, aber wir merkten es nicht."
Dies sind verständliche Gefühle, die Teil des Trauerprozesses sind.
Verständnis
Ist das überlebende Geschwister verheiratet und der Ehepartner hat nicht den gleichen Verlust erlebt, kann dies zu Problemen in der Beziehung führen. Jeder trauert anders und der Ehepartner ist vielleicht überrascht, dass dieser Verlust so viel Leid in seiner eigenen Familie verursacht. Das kann zu Kommentaren führen wie:" Was bringt Dich so aus der Fassung? Du hast seit Jahren keine enge Beziehung zu Deiner Familie gehabt." Das klingt vernünftig, jedoch folgen die Gefühle in der Trauer selten der Vernunft.
Ehepartner brauchen zuweilen klare Hinweise, wie sie helfen können. Eine Frau bat ihren Mann sie einfach zu umarmen, wenn sie besonders traurig über den Tod der Schwester war.
Unterstützung finden
Einige Geschwister finden es hilfreich, mit anderen über ihren Bruder oder ihre Schwester zu sprechen. Jedoch kann das Thema sogar für gute Freunde unangenehm werden, und das oft gerade dann, wenn ihre Hilfe besonders gebraucht wird.
In mehr und mehr Städten finden erwachsene Geschwister Unterstützung bei den Verwaisten Eltern.
Andere betroffene Geschwister zu finden, mit denen man seine Sorgen und Gefühle teilen kann, bereitet oft einen Weg zur Heilung.
Erwachsene Geschwister leben oft in Gegenden, in denen niemand den verstorbenen Bruder oder die Schwester kannten, vielleicht wussten sie nicht einmal, dass sie ein Geschwister hatten. Das kann sehr schmerzhaft sein, wenn man sich eigentlich nach Menschen sehnt, mit denen man Erinnerungen teilen möchte. Dann kann es hilfreich sein, Menschen ausfindig zu machen, die den Bruder oder die Schwester kannten, um mit ihnen reden zu können.
Man sagt, dass Du Deine Vergangenheit verlierst, wenn Deine Eltern sterben, wenn Dein Partner stirbt, verlierst Du Deine Gegenwart und wenn Dein Kind stirbt, verlierst Du die Zukunft. Stirbt jedoch Dein Geschwister, verlierst Du Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Schließlich ist die Beziehung zwischen Geschwistern potentiell die langdauerndste des Lebens.
Der Tod eines erwachsenen Geschwisters , gleich welchen Alters, ist ein einschneidender Verlust. Die Anerkennung und Bestätigung dieser Tatsache durch Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und eben auch durch die überlebenden Geschwister selbst, kann den Weg in Richtung Heilung erleichtern.
© The Compassionate Friends ( TCF) USA-used by permission
© Bundesverband Verwaiste Eltern in Deutschland e.V., Eva Knöll für die deutsche Übersetzung und Überarbeitung