Schreiben kann jede(r) - spontan und ohne Stilkontrolle

Nun ist es soweit, Freitag, der 1. Juni, 16 Uhr. Sicher habe ich wieder zu viele Kleidungsstücke eingepackt. Die Wetterpropheten mögen sich nicht festlegen. Alles scheint möglich Sonne, Regen und sogar Gewitter. Schnell noch den Zeitwecker einpacken, dann kann es losgehen. Hoffentlich habe ich mich gut genug vorbereitet - auf meinen ersten Workshop "Schreiben als Trauerbewältigung".

Erst auf der Autobahn Hannover - Kassel kann ich mich etwas entspannen. Kurz vor der Abfahrt Kassel Ost zaubert Wolfgang, mein Mann, einen Stadtplan aus seinem Seitenfach (eines seiner vielen gesammelten Schätze), so dass wir ohne Probleme das Hotel Exelsior in Kassel finden, wo die diesjährige Mitgliederversammlung des Veid am nächsten Tag stattfinden soll.

Einige Mitglieder sind bereits angereist. Bei der Begrüßung umfängt mich sofort diese Wärme, dieses Angenommensein, das ich immer verspüre, wenn ich im Kontakt mit Verwaisten Eltern bin. Alle treffen sich in der Vorhalle und warten auf die restlichen Mitglieder, die nach und nach eintrudeln.

Zwischendurch haben wir Gruppenleiter schon einmal Gelegenheit die Räume anzusehen, die für die verschiedenen Workshops vorgesehen sind. Als ich den Clubraum sehe, weiß ich sofort, dieser Raum muss es sein, denn er ist hell und sonnendurchflutet. Genau so habe ich mir den Raum vorgestellt. Auch die Farben der Begriffekarten und des Briefpapiers, das ich ausgesucht habe, passen exakt zu diesem sonnigen Raum. Ich bin enttäuscht, als ich höre, wir sollen einen Teil des Versammlungsraumes für den Workshop nutzen. Wie sollen in diesem Souterrain die Gedanken fliegen, frage ich mich besorgt. Auch mein Timing geht baden, wenn ich nach der Begrüßung erst alle Tische und Stühle umstellen muss, bevor es losgehen kann. Zum Glück versteht Christine Fleck-Bohaumilitzky meine Sorgen und ist bereit, mit mir zu tauschen. Vielen Dank Christine!

Später falle ich erleichtert in mein Hotelbett und meine große Müdigkeit unterbricht bald letzte sorgenvolle Gedanken, ob ich an alles gedacht habe, und entführt mich in das Reich der Träume.

Am nächsten Morgen heißt es schnell aufstehen, unter die Dusche springen und ab zum Frühstücksbuffet. Dann kann ich den Raum endlich vorbereiten. In die Mitte lege ich ein Poster fotokopiert aus meinem geliebten Wandkalender. Anschließend verteilen wir das Briefpapier, jede Menge verschiedener Stifte, Radiergummis und die Begriffekarten auf den Tischen. Jetzt ist alles perfekt. Ich bin bereit. Es kann losgehen.

Zunächst treffen sich alle Mitglieder im Versammlungsraum und werden mit einer kurzen Begrüßung von Gabriele Knöll empfangen. Danach sammeln wir Workshopleiter unsere "Schäfchen" ein. Für meine Gruppe haben sich 12 Mitglieder entschieden. Mit solch einer regen Teilnahme hatte ich nicht gerechnet. Auch ich begrüße alle Teilnehmer und drücke meine Freude über soviel Interesse am Schreiben aus. Aus meiner Verwaisten Elterngruppe habe ich einen runden Stein mitgebracht, der auch hier von Hand zu Hand gehen wird. Jeder, der den Stein in Händen hält, stellt sich kurz vor und erzählt, was passiert ist. Nun erzähle ich ein wenig darüber, wie ich dazu kam, mein Buch "Liebe Joana" zu schreiben und wie mir das Schreiben in meinem Trauerprozess um meine geliebte Tochter Joana geholfen hat.

Für den Anfang habe ich eine kleine Übung ausgesucht, die "Tempo" heißt und dazu dient, ins Schreiben zu finden. Jeder zieht von den verdeckt liegenden Begriffen drei Karten und wählt das Wort aus, das sofort anspricht. Über eine Zeitspanne von ein paar Minuten wird nun zu diesem Begriff alles aufgeschrieben, was spontan dazu in den Sinn kommt. Dabei sollte man nicht überlegen, korrigieren oder auf den Schreibstil, Rechtschreibung etc. achten. Danach gebe ich die Möglichkeit die entstandenen Texte vorzulesen. Einige Teilnehmer sind so mutig und lesen ihre Texte vor, andere ziehen dadurch ermutigt nach. Ich bin erstaunt und berührt, wie ausdrucksstark diese Texte sind, wieviel Not und tiefe Trauer bereits hier zu Papier gebracht wurden.

Leider können wir keine Pause einlegen, die jetzt eigentlich notwendig wäre, da die Zeit so knapp ist. Als nächstes bitte ich die Teilnehmer sich einen Bogen Briefpapier auszusuchen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, an welche Person oder übergeordnete Instanz z.B. Gott man seinen Brief richten kann, die ich kurz vorstelle. Als alle Eltern bzw. Geschwister am Briefeschreiben sind, sehe ich wie viele Gefühle, wie viel Trauer und Tränen hier fließen und bin ein wenig erschreckt. Das gemeinsame Schreiben scheint wie eine Art gruppendynamischer Verstärker zu wirken. Nach 15 - 20 Minuten sind alle Briefe zu Ende geschrieben. Zum Vorlesen ist niemandem zumute. Ich frage erst gar nicht danach. Doch wie es den Teilnehmern mit dem Schreiben erging, möchte und muss ich wissen. Beim Berichten und Erzählen fließen viele Tränen und viel Trauer liegt im Raum. Etwas angespannt und doch fasziniert beobachte ich, wie das Reden und Sprechen über diese vehementen Gefühle mehr und mehr die positiven Gefühle wieder freisetzt. Erinnerungen an all das Schöne und Beglückende, das mit den verstorbenen Kindern bzw. Geschwister erlebt werden durfte, bahnt sich den Weg. Am Ende sehe ich in lächelnde Gesichter, in denen noch deutlich die Spuren der Tränen zu sehen sind. Diese Offenheit ist ein wunderbares Geschenk an mich.

In den letzten 15 Minuten lese ich Passagen aus meinem Buch "Liebe Joana" vor, die sich besonders auf das Schreiben beziehen. So können sich die Teilnehmer ein wenig entspannen und erholen, hoffe ich. Dann sind die zwei Stunden vorüber. Jetzt geht alles sehr schnell. Viel zu schnell, denn es bleibt noch viel zu sagen und zu reden, aber eine kurze Versammlung ist vor der Mittagspause angesetzt und zwingt uns zur Eile. Danach warten ein leckeres Mittagessen und gute Gespräche in einem gemütlichen Restaurant ein paar Schritte die Straße hinab auf uns. Jetzt kann ich durchatmen. Es hat alles gut geklappt.

Die Mitgliederversammlung beginnt um 14 Uhr. Viele Tagesordnungspunkte sind abzuarbeiten. Einen Konsens zu finden und die jeweiligen Abstimmungen herbeizuführen, gestaltet sich schwierig und zähflüssig. Kurz vor dem Ende der Versammlung, nachdem die wichtigsten Punkte erarbeitet sind, werfe ich das Handtuch. Mir raucht der Kopf und viele Gedanken, Fragen und Gefühle schwirren mir durch Herz und Hirn. Kurz bevor ich den Versammlungsraum verlasse, sehe ich das junge Mädchen, das an meinem Workshop teilgenommen hat, in einer der letzten, leeren Reihen sitzen. Beim Rausgehen ruft sie mir nach: "Vielen Dank für den Workshop." " Nichts zu danken", entgegne ich, "es hat mir so viel Freude bereitet." Vermutlich ahnt sie nicht, welch ein großes Geschenk sie mir mit diesem Dank bereitet.

Erschöpft und müde, aber total glücklich treten wir unseren Heimweg an.

Workshopleitung: Karin Stolte

Autorin und betroffene Mutter

 


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