"Was ist das: Liebe? Hüte dich eine Formel dafür zu finden: Liebe ist immer mehr!"

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

um Nachsicht bitte ich: Sich selbst zu zitieren, zeugt nicht gerade von einem gepflegten Stil. Doch mein kleines Gedicht, mit dem ich eben meinen Vortrag begonnen habe, kam mir unmittelbar in den Sinn, als man mich eingeladen hatte, heute bei Ihnen zu sprechen. Eigentlich drücke ich mich damit ja um eine konkrete Aussage, sage kaum mehr als der berühmte Sokrates, der einst feststellte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß". Natürlich schwingt bei solch radikalen Äußerungen schnell auch eine Portion Koketterie mit. Im Vordergrund aber steht die Mahnung, den Mund nicht zu voll zu nehmen.

Im Einladungsprospekt werde ich freundlicherweise als Religionswissenschaftler, Theologe und Volkskundler vorgestellt. Das ist korrekt: Das sind drei wissenschaftliche Disziplinen, die sich mit der kulturellen Entwicklung des Menschen und einer philosophischen Anthropologie auseinander setzen.

Ich habe in der Vergleichenden Religionswissenschaft Interessantes gelernt über Tod und Trauer in den Weltreligionen, unterschiedliche Jenseitsvorstellungen oder Sterberiten. Die Theologie machte mich mit der mächtigen Tradition des christlichen Glaubens vertraut, führte mich in eine Weisheitslehre ein, die Leben und Tod letztlich als Einheit begreifen möchte.

Die Volkskunde schließlich - man kann auch von europäischer Ethnologie sprechen - befaßt sich mit dem Brauchtum der breiten Masse; früher vielleicht anhand von Themen wie "Die Küchenschürze im Wandel der Zeiten". Heutzutage käme zum Beispiel auch populäre Samstagabendunterhaltung in Frage: so ließe sich etwa untersuchen, wie "Deutschland sucht den Superstar" Familien zusammenführt, aber auch trennt, wenn es Uneinigkeit in der Beurteilung der Stimme von Daniel Küblböck gibt ... Klassische Themen der Volkskunde sind natürlich auch die Sitten und Gebräuche anlässlich von Hochzeiten und Beerdigungen.

Kurzum, während der Studiums und meiner nachfolgenden Arbeiten habe ich mir Wissen angeeignet. Aber all dieses Wissen nützt mir herzlich wenig im Hinblick auf unser Thema: Was nämlich Liebe bedeutet, das erfährt man nicht im Hörsaal, das steht nicht im Lehrbuch.

Die einzige Kompetenz, heute bei Ihnen über die Liebe zu sprechen, ist das Geschenk - fast möchte ich sagen: die Gnade -, ein geliebter und liebender Mensch zu sein. Ich darf mich glücklich preisen, geliebt zu werden: Von meiner Frau - immer noch, immer mehr, nach siebzehn Ehejahren, die eine Spur von Blut, Schweiß und Tränen nach sich ziehen; von meiner Tochter Theresia und meinem Sohn Lukas, wenngleich heranwachsende Kinder mitunter ihre eigenen Formen haben, ihre Zuneigung auszudrücken; von meinen Geschwistern: ich habe noch drei Schwestern und drei Brüder (katholische Familie!). Alle sind sehr anders als ich, aber wichtige Menschen für mich. Schließlich von meinen Freunden: das sind Freundschaften, die sich bewährten. An meinen Freunden schätze ich, dass sie so ganz anders sind als ich, aber wir halten dieses Anderssein gegenseitig aus und bereichern uns gerade damit.

Und ebenso wunderbar ist es, dass ich lieben darf: Meine Frau, meine Kinder, meine Geschwister und meine Freunde! Denn lieben zu wollen, das ist ein Drang, eine Energie, die nach Entladung sucht, will heißen: nach Erfüllung!

Zwei Personen habe ich noch nicht erwähnt. Sie sind nicht nur für meine Fähigkeit zu lieben verantwortlich, sie prägen auch grundlegend meine Kompetenz, über den Tod sprechen zu können: meine Eltern.

Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war. Ich verfüge über keine greifbare Erinnerung an ihn. Aber dieser Mann hat Spuren hinterlassen: Durch seine Lebenslust, seine Art die Dinge zu sehen, seine Tapferkeit, auch durch das, was ihm nicht gelang. Er prägt meine Mutter und meine Geschwister, und damit prägte er meine Kindheit und Jugend.

Erst als Erwachsener, als meine Frau in die Frauengruppe ging und ich mich der Tatsache stellen musste: "Ich bin nicht einfach Georg, ich bin ein Mann - und das hat Auswirkungen", erst da fehlte mir mein Vater: die Projektions- oder auch Reibfläche, das Beispiel, der Mann, an dem ich mich hätte messen oder auch aufrichten können, wer weiß.

Durch den Verlust des Vaters bekam die Mutter eine noch stärkere Position. Ihre Zuneigung ist das Fundament meines Lebens. Sie gab mir das Gefühl: "Junge, du machst das schon, du kannst das. Georg, du bist o.k." Ihre Verlässlichkeit, ihre Liebe gaben mir ein Selbstvertrauen, das mir später half, mit manchen Enttäuschungen und Frustrationen umzugehen. Denn natürlich schlug mir nicht von allen Seiten die Sympathie entgegen, die ich von zu Hause erhielt.

Wie wenig selbstverständlich das eigentlich war, was ich daheim empfing, das erfuhr ich erst im Laufe meines späteren Lebens: Seit sechs Jahren arbeite ich hauptberuflich als freier Schriftsteller und Publizist. Ich schreibe Erzählungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, dazu Ratgeber und Sachbücher, auch Reiseliteratur, querbeet eben, denn meine Familie muss ernährt werden.

Eine Nebentätigkeit habe ich mir zugelegt: Ich halte Trauerfeiern für Menschen, die keiner Kirche angehören oder die aus irgendeinem Grund nicht von einem Geistlichen beerdigt werden möchten. Nun verhält es sich mit den Trauerrednern wie mit den Pfarrern, Lehrern oder Ärzten: Es gibt solche und solche! Ich habe Ansprachen von Kollegen gehört, die mich peinlich berührt haben. Ich schämte mich fast, der gleichen Arbeit nachzugehen. Diese Kollegen sprachen während der Trauerfeier den Toten an und gaben eine Vertrautheit vor - "Liebe Hilde, da liegst du nun in der kalten Erde!" - die jeglicher notwendigen Distanz entbehrte.

Außerdem meine ich: Mit einem Verstorbenen zu kommunizieren, das geht nur, wenn eine große Vertrautheit herrscht. Das ist jedoch bei unserem Einsatz in der Regel nicht der Fall. Wir haben mit den Angehörigen zu tun; selten habe ich einen Toten den ich bestattete, persönlich gekannt,. Wie auch immer: Meine Aufgabe ist es, dem Abschiednehmen einen Rahmen zu geben. Das fällt leicht, wenn der Verstorbene geliebt wurde. Das ist unheimlich schwer, wenn dies nicht der Fall war. Denn: was bleibt dann?

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Trauerredner bin ich vielen Schicksalen begegnet. Die Angehörigen berichten meistens mit großer Offenheit über die Verstorbene oder den Verstorbenen und das eigene Verhältnis zu ihm. Manches erschüttert: Frau C. beispielsweise erhielt im Elternhaus die Botschaft: Du bist unerwünscht. Nun muss sie die verstorbene Mutter loslassen. Herr K. erzählt, als er zehn Jahre alt war, wünschte er sich, sein Vater solle tot sein. Das will in kindlicher Ausdrucksweise besagen: "Der Mann soll weg sein, er tut uns nicht gut." Nun endlich ist er tot. Über 50 Jahre später ...

Sich davon zu erholen, dieses Manko an Liebe aufzuarbeiten, dazu braucht es ein ganzes Leben. Kann man da sagen: " ... die Liebe bleibt"? - Ich möchte Ihnen eine authentische Geschichte erzählen, bzw. vorlesen. Über meine Erfahrungen als Trauerredner habe ich ein Buch geschrieben, das Bändchen: "Niemand geht ohne Spuren". Die Namen der handelnden Personen sind selbstverständlich geändert.

Frau Kempfs Mutter

Die Frau in meinem Alter eröffnet das Gespräch: "Also, das gleich vorweg: Die letzten zwölf Jahre haben meine Mutter und ich nicht mehr miteinander gesprochen." Verwirrt sehe ich auf meinen Zettel: die beiden haben in der gleichen Straße gewohnt.

"Wir sind uns aus dem Weg gegangen. Es hat Streitigkeiten um das Erbe meines Vaters gegeben."

Mich reitet anscheinend der Teufel: "Warum veranlassen Sie dann überhaupt eine Trauerfeier?", frage ich.

Vielleicht würden Nachbarn kommen. Sie wolle nicht, dass die Leute redeten.

Das Gespräch ist dann mehr als zäh. Nur widerwillig gibt die Tochter ein paar Eckdaten über das Leben ihrer Mutter preis. Die knappe Chronologie endet zwölf Jahre vor deren Tod: als nämlich der Ehemann starb und die Tochter ihr Erbteil einklagte. Nach dem Urteil brach der Kontakt ab.

Meine zaghaften Nachfragen, warum alles so gekommen sei, sind wohl zu vorsichtig; die Frau geht nicht darauf ein. Vielleicht erklärt sie es auch zu gut verpackt, und ich erkenne nicht, was sie eigentlich sagen will?

Nein, mir wird klar: Sie will darüber einfach nicht sprechen. Das ist ihr gutes Recht. Meine Dienstleistung ist hier gewünscht, und die besteht für Frau Kempf, geborene Jablonsky, nicht in therapeutischer Beratung, sondern in einer ordentlichen Bestattung ihrer Mutter. Sie hätte wohl am liebsten, ich würde nicht nur den Leichnam, sondern zugleich die ganze Vergangenheit, diese tragische Geschichte von Mutter und Tochter, die sich nicht verstanden haben, begraben. Doch das geht nicht.

Ein seltsames Ungleichgewicht erwartet mich auf dem Friedhof: Einem Friedhofswärter, der dem Sarg vorausgeht, dem Bestattungsunternehmer, vier Trägern, einem Organisten, und mir, dem Redner, stehen drei Trauergäste gegenüber - die Tochter, deren Mann und eine Nachbarin.

"Wenn das so ist, machen Sie schnell!" Frau Kempf kneift die Augen zusammen, kann aber meinem Blick nur kurz standhalten.

Ich weiß nicht, wen ich hier bestatte: War Frau Jablonsky freundlich, aber falsch? War sie gemein, böse, umgänglich, hinterhältig, nachtragend, aufbrausend? Ich weiß es nicht. Ihre Tochter hat von den positiven Seiten ihrer Mutter nichts preisgegeben, sich aber auch nicht zu Ausführungen über deren Schlechtigkeit hinreißen lassen.

Die Tote, die dort in dem Sarg neben mir liegt, bleibt mir seltsam fremd. Aber es ist eine Tote, der ich eine Art natürlichen Respekt schulde. Sie hat ein langes Leben bewältigt. Darin wird sie Fehler begangen haben. Doch bin ich ihr Richter? Gibt es denn nichts Gutes, an das man sich in dieser Stunde erinnern kann?

Nein, denke ich mir im Stillen, ich mache nicht schnell: Frau Jablonsky bekommt eine vollwertige Trauerrede. Ich gebe zu, ich bemühe mich sogar - was ich sonst nicht tue - ein wenig auf die Tränendrüsen zu drücken. Mich reizt es, die harten Züge Frau Kempfs aufzubrechen.

Während ich rede, sieht sie auf den Boden. Sie wendet ihren Blick dem Sarg erst zu, als ich zu jenem Satz komme, der zu meinem Ritual gehört: "Vielleicht kann jetzt in der Stille mit der Stimme des Herzens das nachgeholt werden, was versäumt wurde während ihres Lebens zu sagen." Dann gehen wir zum Grab. Und die Frau kann heulen.

Es ist kein Triumph in mir. Das nicht. Aber ich fühle, dass ich nicht ganz daneben liege, wenn ich meine, dass Eltern und Kinder sich nach gegenseitigem Verständnis, nach Angenommensein und Liebe sehnen. Wenn das nicht da ist, leiden sie. Für Versöhnung aber ist es nie zu spät.

Möglicherweise ist das ja nur ein frommer Wunsch: Denn wenn dann die schärfste Grenze erreicht ist - der Tod - löst sich nicht alles automatisch in Wohlgefallen auf. Wenn eine Beziehung schwierig war, konfliktreich, unerfüllt, dann bleiben zunächst auch die negativen Gefühle. Da gibt es Ärger, vielleicht gar Hass, da sind Enttäuschungen, Verletzungen, offene Fragen. Trauer erfüllt einen auch ob der verpassten Chancen - Trauer über das nicht gelebte Leben: dahin, unwiderruflich!

Als vor 4 Jahren Dirk, mein bester Freund, starb, - übrigens machte erst sein späteres Fehlen deutlich, wie wichtig er mir war - da war die brennende Trauer mit einem Wust von Fragen verwoben: Warum hatte er nicht mehr leben wollen? Wie konnte er uns nur zurücklassen, so unfertig, so haltlos? Die Tränen des Abschieds mischten sich mit Tränen der Wut.

Schon bei seiner Trauerfeier - ich hielt damals die Rede - wusste ich allerdings: Das ist nicht der Tag des Verstehens, das ist der Tag des Abschiednehmens. Das Verstehen braucht viel mehr Zeit, und manchmal gibt es überhaupt kein Verstehen: dann muss man lernen, mit den offenen Fragen zu leben, sie auszuhalten.

Ärger, Hass, Enttäuschungen, Verletzungen, das alles sind sehr starke, ja, gewaltige Kräfte. Sie können Macht über uns ausüben, sie können uns zu Worten und Dingen verleiten, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

Noch stärker jedoch ist der Tod selbst: Er überwuchert alles, kriegt jeden, erreicht immer sein Ziel. Wir versuchen uns gegen ihn zu schützen, doch wie lachhaft ist unser Bemühen: dass wir sterblich sind, das ist doch fast das einzige, was in unserem Leben wirklich sicher ist.

Was uns aber ängstigt ist die Tatsache, dass wir den Zeitpunkt des Todes und die Art des Sterbens in der Regel nicht wissen. Das sind enorme Unsicherheitsfaktoren; sie destabilisieren unser Dasein schon hier und jetzt.

Aber wem sage ich das? Sie wissen besser als viele andere, wie grausam und unberechenbar der Tod sein kann: Eine Schwangerschaft verläuft nach Plan, alle freuen sich auf das Baby, und dann geht etwas bei der Geburt schief: das Leben endet, bevor es richtig beginnen konnte. Ein Kleinkind wird von einem Auto überfahren und stirbt, ein anderes fällt von einer Mauer und bricht sich das Genick. Ein Zehnjähriger erkrankt unheilbar an Leukämie. Eine Jugendliche macht ihrem Leben selbst ein Ende. Ein junger Erwachsener stirbt den plötzlichen Herztod.

Wir stehen dabei: Mal schreiend, mal wortlos, apathisch, kämpfend, aggressiv, ratlos, verrückt werdend, unendlich traurig.

Was bleibt? Das, was noch stärker ist als der Tod, noch gewaltiger: die Liebe.

Im Alten Testament gibt es jenes Buch, das "Das Lied der Lieder" genannt wird. Es entstand vor etwa 2.200 Jahren. Darin heißt es - und das ist von erfrischender Aktualität -: "Stark wie der Tod ist die Liebe. Die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen. Auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses: Nur verachten würde man ihn!" (Hhl 8,6 f.)

Dieser Text stammt wahrscheinlich aus einem Hochzeitsritual und besingt vor allem die Wonnen der erotischen Liebe. Doch auch für die partnerschaftliche Liebe, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, Großeltern und Enkeln, die Liebe, die Freunde verbindet gilt: Stark wie der Tod ist die Liebe. - Und ich gehe weiter, vertrauend: die Liebe ist stärker. Sie überdauert den Tod. Sie überwindet ihn sogar.

Die Veranstalter dieses Wochenendes haben bei der Formulierung des Titels dafür vielleicht an den Roman "Die Brücke von San Luis Rey" von Thornton Wilder gedacht. Der amerikanische Autor schrieb 1927 dieses bewegende Buch. Es spielt im Jahre 1700 in Peru und erzählt von einer - im Weltmaßstab kleinen, jedoch auf das Leben des Einzelnen bezogen großen - Katastrophe: da stürzt eine Brücke ein und reißt fünf Menschen in den Tod. Ein Franziskanerpater erforscht in dem Roman die Lebensläufe der fünf: Sein Ziel ist letztlich, Gott von der Schuld an diesem Leid freizusprechen, seine Gerechtigkeit zu beweisen und der Frage nachzugehen, ob das Unglück Zufall oder Fügung sei.

Hören Sie die letzten Sätze des Werkes, die auf ihre Art Auskunft geben. Den Satz von der Brücke werden Sie bestimmt schon einmal als Zitat gehört oder gelesen haben.

"Doch noch während sie sprach, gingen der Äbtissin andere Gedanken durch den Sinn. "Schon jetzt", so dachte sie, "erinnert sich fast niemand mehr Estebans und Pepitas, als nur ich. Camila allein gedenkt ihres Onkels Pio und ihres Sohns; diese Frau ihrer Mutter. Bald aber werden wir alle sterben, und alles Angedenken jener fünf wird dann von der Erde geschwunden sein, und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden. Doch die Liebe wird genug gewesen sein; alle diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Nicht einmal eines Erinnerns bedarf die Liebe. Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe - das einzig Bleibende, der einzige Sinn."

Hier wird eine religiöse Dimension der Liebe thematisiert, die ich gar nicht weiter vertiefen will. Es kommt nämlich auf etwas anderes an: Ein Erdenleben lässt sich auslöschen, aber nicht die Liebe. Kein Augenblick, den wir geliebt haben, geht verloren. Die Liebe ist ewig. - Das klingt, ich gebe es zu, irgendwie hilflos fromm oder lyrisch oder verquast, weil sie so schwer zu packen ist, die Liebe.

Durch Zufall fiel mir letzte Woche ein Zettel in die Hand, den mir mein Sohn vor drei Jahren geschrieben hatte, ein Liebesbriefchen: "Lieber Papa", schreibt er da, "ich liebe dich. Ich habe dich schon geliebt, als ich noch nicht auf der Welt war." Wie kommt der Knirps darauf: "Ich habe dich schon geliebt, als ich noch nicht auf der Welt war."? Spürt er intuitiv, dass die Liebe keinen Anfang und kein Ende kennt? Ich erinnerte mich dann, den Jungen damals gefragt zu haben, wo er denn gewesen sei, als er noch nicht auf der Welt war. Und er antwortete, als sei meine Frage doch eigentümlich unnötig, typisch für einen Erwachsenen: "Na, im Himmel" Ob Lukas den Himmel mit Gott in Verbindung bringt, vermag ich nicht zu sagen. "Himmel" ist eine Chiffre für das Davor und Danach des Lebens, für alles, was jenseits unserer engen Welt liegt. Aber dahinter steckt wohl die Vorstellung, die vielen Religionen eigen ist: Da gibt es etwas, was wir jetzt nicht sehen, wozu wir jetzt keinen Zugang haben, aber das doch real ist, - und dieses nur schwer Benennbare ist etwas Gutes: da kommen wir einmal hin, am Ende unseres mühsamen Weges.

Im Jahr 2000 starb meine Mutter, 66-jährig, eine tolle Frau. Beim Trauergottesdienst sprach ich nur ein paar Sätze zu Beginn, denn: "das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen." Ich wollte nur kurz den Dank der großen Schar, die um sie trauerte, in Worte fassen, und kleidete ihn in ein Kontrastbild zur heulenden Gemeinde: "Im Himmel ist heute ein Fest, denn Gott selbst schließt sie in seine Arme!" Damals war Stefan, ein guter Bekannter von mir, mit in die Kirche gekommen. Stefan ist Atheist, kein missionarischer Gottesfeind, aber aus seiner Ablehnung aller religiösen Überzeugungen macht er keinen Hehl. Seine Haltung war nie ein Thema zwischen uns beiden. Rein verstandesmäßig kann ich den Atheismus sehr gut nachvollziehen. Aber der Mensch ist nicht nur Kopf, sondern auch Herz. Und Stefans Herz hatte ich angesprochen. Unbeabsichtigt. Monate später berichteten mir Stefans erwachsene Kinder, der Satz "Im Himmel ist heute ein Fest" habe ihn bewegt.

Mag sein, allein die Phantasie, dass es ein Wiedersehen gibt, allein diese Vorstellung macht es uns leichter, mit Verlusten umzugehen. Mag sein, wir wollen uns diesen Phantasien nicht hingeben. Es muss nicht sein. So bleibt doch immer noch in den Dimensionen von Raum und Zeit, also im Hier und Jetzt, was an Liebe geschenkt wurde. Na klar, Liebe kann nur geschenkt werden, nicht gekauft, nicht getauscht, nicht erzwungen, nicht gestundet, - nur geschenkt.

Hier muss ich jetzt ein Gedicht von Reiner Kunze einflechten. Manchmal sind es eben die Dichter, die ausdrücken können, wozu wir nicht im Stande sind. In nur fünf Zeilen entfaltet er einen Einblick in das Universum der Liebe, ohne übrigens das Wort selbst zu verwenden:

Bittgedanke, dir zu Füßen

Stirb früher als ich, um ein weniges

früher

Damit nicht du

den weg zum haus

allein zurückgehen musst

Es wirkt ja geradezu banal, wenn ich sage: Die Liebe ist das Wichtigste in unserem Leben. Aber - war das immer so? Die Forschung hat in mancherlei Disziplinen den Tod untersucht. Die Ergebnisse belegen, dass der Mensch des Mittelalters den Tod als selbstverständlichen Teil seines Daseins akzeptierte. Allerdings bangte er darum, ob er nach dem Passieren der Todesgrenze auch in den Himmel kommen würde, weil die Qualen der Hölle schrecklich ausgemalt wurden. Der Fluch dieser Zeit ist vorbei, allerdings auch ihr Trost.

Im Mittelalter starben 40 bis 50 Prozent der Menschen vor dem 10. Lebensjahr. Die höchste Sterblichkeitsrate lag im ersten Lebensjahr: Fehlende hygienische und medizinische Versorgung war daran schuld, aber auch Mangel an Nahrung und Wärme. Demographen errechneten, dass bis ins 19. Jahrhundert nur die Hälfte der lebend geborenen Kinder das 15. Lebensjahr erreicht hat. Das Durchschnittsalter lag bei 50 Jahren. Nicht einmal ein Zehntel wurde älter als 65. Der Komponist Johann Sebastian Bach beispielsweise hatte mit zwei Frauen (nach dem Tod der ersten heiratete er wieder) insgesamt 20 Kinder! Aber zehn davon starben bereits vor ihm!

Die Verhältnisse haben sich grundlegend verändert. Die heutigen Möglichkeiten Leben zu bewahren, zu retten, zu verlängern, wären den vorangegangenen Generationen utopisch erschienen. Daraus, dass der Tod früher allgegenwärtig war, dürfen wir sicher nicht voreilig den Schluss ziehen, man hätte nicht so stark geliebt, in der Annahme, es würde sich kaum lohnen ... Aber in der Tat: die bloße Sorge um die Existenz, ums Überleben, die Sicherheit raubte ungleich mehr Zeit und Energie als in der Moderne.

Und so scheint uns unsere - im historischen Vergleich - luxuriös ausgestattete Existenz zu verführen: Wir wähnen uns unsterblich, verdrängen den Tod. Wenn er uns dann ereilt, ist es, als tue sich die Erde auf: "Warum gerade ich?" Diese Frage bedrängt uns umso mehr, je mehr wir die Sterblichkeit aus dem Blick verloren haben. Sie aber, die Sie mit dem Tod in seiner zynischen Launenhaftigkeit konfrontiert wurden - er kommt, wann er will, er nimmt, wen er will -, Sie brauchen der Tatsache nicht mehr auszuweichen, Sie können es auch gar nicht mehr: das Leben ist begrenzt.

Darin liegt auch ein Trost: Alle Fragen, Mühen, Qualen, Schmerzen werden ein Ende haben. Doch müssen wir warten, bis wir selbst in jenen Schlaf fallen, aus dem man nicht mehr erwacht? Gibt es nicht vor dem Tod schon Heilung? Doch, es gibt die Chance auf diese Heilung. Sie braucht eine Menge Zeit, bei jeder und jedem unterschiedlich lang. Die Trauer ist ein Weg, der keine Abkürzung kennt. Und Tränen werden fließen, müssen raus, denn sonst laufen sie nach innen und man erstickt daran.

Aber wer es schafft, der Liebe zu vertrauen, der kann das Leben wieder lernen. Wer um einen geliebten Menschen trauert, der mag sich grämen, ohne ihn weiterleben zu müssen, der mag sich sogar schämen, noch Freude und Lust zu empfinden. Aber das braucht nicht so zu sein. Die Liebe kann schon jetzt beflügeln.

Von einem wunderbaren Beispiel - im wahrsten Sinne: denn es grenzt an ein Wunder - las ich in einer Zeitschrift. Der Beitrag ist auf den 22. März 2002 datiert, das ist also genau ein Jahr her. Im sogenannten "israelisch-palästinensischen Familienforum" haben sich Eltern zusammengeschlossen, deren Kinder im Konflikt der beiden Völker ums Leben gekommen sind. Unter dem Motto: "Die Schmerzen des Friedens sind den Todesqualen vorzuziehen" demonstrieren diese Eltern für den Frieden. In New York, vor dem Hauptgebäude der UN, stellten sie im vergangenen Jahr mehr als tausend Särge auf: 250 mit der israelischen Fahne, 800 mit der palästinensischen geschmückt. Dieses Verhältnis entspricht dem Proporz der Toten; die tatsächlichen Zahlen liegen höher.

Eine jüdische Großmutter formuliert ihre Eindrücke in dem erwähnten Zeitschriftenartikel folgendermaßen:

Roni Hirschensohn hat zwei Söhne verloren; einen durch einen Selbstmordanschlag, einen durch Selbstmord, weil der Junge den Tod seines Bruders und seines besten Freundes nicht ertragen konnte. "Ich werde bis ans Ende der Welt gehen, wenn ich verhindern kann, dass auch nur ein Elternteil den Schmerz und die Sorgen teilen muss, die ich erleide", sagt Roni.

Aharom Barnea sagt, sein Sohn sei im Dienst für sein Land gestorben, als er am Vorabend des Holocaust-Gedenktages im Südlibanon Bomben entschärfte. "Seit seinem Tod haben wir uns geschworen, den Kampf für Frieden fortzusetzen und dem sinnlosen Tod dieses Jungen einen Sinn zu geben."

Khalid Mohammed Abdel Khadirs Sohn wurde vor kaum drei Wochen getötet, dennoch kam er aus der Westbank hierher, um dieselbe Botschaft zu sagen. Über die Elterngruppe sagt er: "Wir sind eine Familie von Menschen, die ihre Söhne verloren haben. Wir weinen zusammen." (Zitat aus: Forward, 22.3.2002)

Sie sehen: Der Schmerz wird nicht verharmlost, nicht glorifiziert! Aber er soll nicht triumphieren! Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sondern das Leben. Sie wissen das. Einige von Ihnen haben ja Zeugnis davon gegeben, in dem tief bewegenden Buch: "Überall deine Spuren", das die Münchner Gruppe durch Christine Fleck-Bohaumilitzky herausgegeben hat: Als ich das Buch las, vergoss ich manche Träne: Aus Empathie für die verwaisten Eltern und Geschwister - und aus Dankbarkeit dafür, dass meine Kinder leben. Bei aller geballten Dramatik der Berichte, den fürchterlichen Begegnungen mit dem Tod, überwiegt die Bejahung des Lebens: allein schon, dass die Eltern die Kraft hatten, über ihre Krise zu schreiben, zeigt ihre Bereitschaft, dem Leben eine Chance zu geben.

Das hat nichts mit platter Vertröstung zu tun nach dem Motto: "Kopf hoch, wird schon wieder" oder "das Leben geht weiter" oder "du darfst dich nicht so darein fallen lassen" oder wie die gut gemeinten, aber weh tuenden Rat-Schläge auch immer lauten mögen. Das ist vielmehr die Erfahrung, dass die Überschrift dieser Tagung wirklich trägt: "Die Liebe bleibt!"

Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht an die Menschen denke, die ich liebte, und die bereits gestorben sind. Es gibt so etwas wie eine "Präsenz durch Abwesenheit". Ihr Nicht-Dasein lässt sie umso intensiver anwesend sein. Als würden sie freundlich mahnen: Genieße jeden Tag! Freue dich deines Lebens. Nimm es als Geschenk, mach was draus. Lass dich überraschen, als sei jeder Tag dein erster auf der Erde. Und sei so präsent, als wäre jeder Tag dein letzter.

Die Umstände meines Lebens haben mich zu einem Optimisten gemacht: Die liebende Mutter, die ich schon erwähnte; meine Herkunft aus dem Rheinland; wer weiß, welche Faktoren sonst noch eine Rolle gespielt haben. Und dennoch kenne ich den Lebensekel. Diese Welt voller Leiden, sinnlosem Krieg, voller Krankheit, Dummheit und Ignoranz, diese Welt, in der sich das Unrecht durchsetzt, die Schwachen auf der Strecke bleiben, und in der die Schönen, Reichen und Erfolgreichen meinen, uns genau erklären zu können, was das sei: das Glück.

Ich bin sie oft leid, diese Welt, und denke: na, wie lange werde ich wohl noch aushalten müssen. Und dann sinne ich über den Tod nach: Was bleibt von mir, wenn ich tot bin? 90 Kilo Materie, zugegeben: zuviel! Sobald ich abnehmen will, nehme ich zu, wegen der Seelentröstung durch Schokolade. Mein Körper, später dann der Leichnam, wird verwesen. Um ihn mache ich mir keine Sorgen. Meine Bücher, der ganze Krempel: Ich bewahre Reiseandenken auf, Fotos, die nur für mich eine Bedeutung haben, sogar den Grabstein meines Vaters: ich brachte es nicht übers Herz, ihn wegzuwerfen. Auf den Trödel damit und der Rest in den Container.

Was bleibt? Hoffentlich keine Schulden, hoffentlich kein unversöhnter Streit. Hoffentlich bleibt nur - Liebe. Ich will sie säen, jeden Tag. Die Saat wird aufgehen. Nicht erst, wenn ich nicht mehr da bin. Ich ernte jetzt schon. Und was ich in die Scheune bringe, wird reichen, wenn die mageren Jahre beginnen, wenn einer von beiden gestorben ist: der Mensch, den ich liebe, oder ich selbst. Die Verbindung wird nicht abreißen, die Brücke wird halten. Die Liebe bleibt!

Wenn man nicht mehr weiß, was man sagen soll, greift man zum Gedicht. Lassen Sie mich mit ein paar Versen enden, die ich einmal so zusammenreimte, - und am Ende eines Vortrags fragt sich der Redner, warum er nicht einfach alles so verdichten konnte, sondern reichlich Wörter bemühen musste:

Über-leben

Weiß denn, wer Agonie erlitten,

doch den Tod im Kampf bezwang,

dass, zwar dem letzten "Aus!" entglitten,

nun klingt bei allen seinen Schritten

im Ohr ein Hall von Abgesang?

Weiß denn, wer mit dem Tode rang

das Leben wirklich neu zu schätzen?

Man sollt' es denken, doch ich bang,

daß die Erfahrungen nicht lang

sich ins Bewußtsein setzen.

Ich weiß: Die Glieder sich verrenkt,

wer gierig nach dem Leben greift.

Ich weiß nicht, ob es einer lenkt.

Ich spüre nur, es wird geschenkt,

wenn's langsam hin zur Liebe reift.

 

Georg Schwikart

Religionswissenschaftler, Theologe, Volkskundler


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