Workshop Arbeiten mit Speckstein

Nach anfänglicher Zurückhaltung betreffend der Auswahl des richtigen Steines, waren die Teilnehmer rasch in Ihrem Element und ließen ihren Gefühlen im Umgang mit dem Material freien Lauf

Der Trauer Gestalt geben - Einen Samstag lang arbeiten mit und am Speckstein

Bei der Jahrestagung der Verwaisten Eltern Deutschland e.V. im Kloster Schöntal hatte ich mich zum Workshop "Arbeiten mit Speckstein" angemeldet. Beruflich fast die ganze Zeit am Schreibtisch - von Kindheit auf allerdings handwerklich vorgeprägt - ging ich das Wagnis ein, meiner Trauer um unseren Sohn, der vor nahezu 6 Jahren im Alter von 3 3/4 Jahren in einem Badesee ertrunken ist, Gestalt zu geben. Nach einer ersten handwerklichen Einführung unserer Gruppe von ca. 10 Teilnehmern durch unsere Workshopleiterin und Künstlerin Eike Geertz, war mir sehr schnell ein Speckstein ins Auge gesprungen, den ich mir aussuchte um ihn zu bearbeiten.

Von der Idee her war es mir wichtig, im oberen Bereich des Steins einen See auszuhöhlen. Von diesem See aus sollten Bäche in die Tiefe geführt werden. Ansonsten war es mir aber wichtig, den Stein an sich in seiner ursprünglichen Form zu belassen. Bei den Grobarbeiten zwang ich dem Stein die Flussläufe regelrecht auf. Dabei wurden mir nochmals meine Hilflosigkeit beim eigenen Erleben beim Tod meines Kindes deutlich. So wie ich von der Tatsache des Todes gekennzeichnet wurde, so hart und "rücksichtslos" drückte ich dem Stein die Flussläufe auf. Nachdem ich dem Stein 5 Flussläufe eingemeißelt hatte, war es mir innerlich wohl. Anschließend polierte ich diese Rillen äußerst liebevoll und mit hohem Zeitaufwand. Dies drückt für mich meinen derzeitigen seelischen Zustand in meiner Trauer zu meinem Sohn aus. Die Tatsache des toten Kindes und des Weiterleben müssens ist für mich nicht beeinflussbar. Dieses Faktum wurde mir von außen aufgedrängt. Wie ich mit diesem Zustand in meinem weiteren Leben umgehe, liegt zum großen Teil an mir selber. Die Furchen kann ich nicht mehr ausradieren. Ich kann sie nicht ungeschehen machen, aber ich kann versuchen mit ihnen umzugehen, ihnen eine Gestalt zu geben, die mir mein Weiterleben ermöglichen.

Anfangs habe ich erwähnt, dass ich zunächst einen See aus dem Stein herausgearbeitet habe. In erster Linie war es für mich ein Gefäß meiner Trauer, meiner Tränen um meinen Sohn. Dieses Gefäß füllt sich mit meinen Tränen, den geweinten und ungeweinten, und läuft über die Flussläufe zum Fuß des Berges ab. Je mehr ich die Figur auf mich wirken lasse, kann ich mir auch vorstellen, dass irgendwann einmal auch ein Gemisch von Trauer und Freudentränen diesen Weg gehen werden.

Bei der Bearbeitung des "ursprünglichen" Steines kam dann eine überraschende Vielfalt in der Maserung zum Vorschein, die vorher unsichtbar verborgen war. Selbst zum Schluss, als ich meinen Stein einwachsen durfte, kamen Maserungen sowie eine Granitader zum Vorschein, die für mich Sinnbild meiner Selbst geworden ist. Der Stein an sich ist mein Leben, das durch den Tod meines Sohnes Einschnitte bekommen hat, die ich mir selber nicht gewünscht und nie angetan hätte. Aber heute bin ich so und nicht anders. Die anfänglichen Kanten und Ecken sind geblieben. Die eigentliche Form, der Inhalt meines Lebens und die sich daraus ergebenden Lebenslinien wurden neu gezogen.

Mit der Specksteinarbeit wurden wir am Ende des Tages fertig. Wir alle waren froh als wir unsere Arbeit mit immer feinerem Schleifpapier und letztendlich feinster Stahlwolle vollenden durften. Meine Trauerarbeit und die Spurensuche in meinem Leben werden wohl erst mit meinem eigenen Tod ein Ende finden. Das Arbeiten mit dem Speckstein hat mir sehr sehr gut getan. Es hat mich auf ganz neue Art und Weise meine Trauer begreifbar gemacht. Und am Ende des Tages hat meine Trauer im bearbeiteten Speckstein, dem Tränensee, Gestalt bekommen.

Ich bedanke mich bei unserer Künstlerin Eike Geertz und den Organisatoren der Tagung sowie bei allen Teilnehmern für einen gelungenen und für mich sehr wichtigen Tag des Trauerns.

Hans-Achim Kullen

Leitung: Eike Geertz

Bildhauerin


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