Talentfrei kreativ sein – Jahrestagung 2017

Das runde Jubiläum des Bundesverbandes gab den Anlass, Mitglieder des VEID zur Jahrestagung nach Leipzig an den Sitz der Bundesgeschäftsstelle einzuladen. Der Freitagabend stand schon mit seinem Musikprogramm unter dem Motto "kreativ sein". Denn die versammelte Künstlerschaft um Schirmherrin Luci van Org brachte viele Gesangsfarben zur Aufführung.

Nach einem guten Frühstück im Leipziger Tagungshotel Mecure am Johannesplatz starteten die Workshops bereits um 9.00 Uhr. Das vielfältige Angebot war für einige schon im Vorfeld eine Entscheidungsherausforderung. Wie aber die Auswertung am Sonntag zeigen sollte, fand jeder seinen richtigen Platz für den Moment der Jahrestagung.

"Der Trauer eine Form geben - Arbeiten mit Speckstein", der Workshop mit Eike Geertz rührte eine der Teilnehmer zu Tränen. Im Bearbeiten des vermeintlich starken Steins konnten sie feststellen, wie zerbrechlich das Material sein konnte. Es reifte die Erkenntnis: "Was weg ist, ist weg." Es traf so sehr die Lebenssituation und so wurde aus dem groben Feilenschliff schnell ein zärtliches Herantasten an gewünschte Formen mit feineren Werkzeugen.

Luci van Org und Hauke Scholten ließen Lieder schreiben. Für sich zum Vortragen. Gefühlvolle und intensiveEinblicke ins Innere. So entstanden Texte, die nach Aussage der Teilnehmer nur so aus ihnen herausflossen, manchmal gar nicht so gewollt waren und doch beim Zuhören voller Liebe und Kraft blühten.

Beide Workshops zogen sich über den ganzen Samstag hin und die Teilnehmer stimmten alle in einem überein: "Wir gingen talentfrei in die Workshops, haben uns auf die Kreativität eingelassen und waren über unsere Ergebnisse selbst überrascht."

Die Supervision mit Mag. theol. Christine Fleck-Bohaumitzky und Christian Fleck suchten nach den reinigenden Momenten für die Seele. Eine wichtige Aufgabe für alle Trauerbegleiter. Es waren nicht vier Stunden Selbsterfahrung. Eine Kräftigung der Seele, um mehr an Betroffene weiterzugeben, ohne die eigene Seele zu sehr zu verletzen.

Mit Eva Terhorst gingen die Workshoper auf eine Entdeckungsreise. "Rituale Trauerarbeit" Welche Spielräume sich in der eigenen Arbeit eröffnen, war vielen im Vorfeld gar nicht so bewusst. Kann eine Begrüßung schon ein Ritual sein? Ist auch eine Pause in einem Gespräch eine Gepflogenheit, die einander kurze Zeit des Innehaltens gewährt und damit Zeit zum Nachdenken lässt, weil dann manchmal keine Antworten mehr nötig sind? So konnten die Teilnehmer aus ihren eigenen Erfahrungen Rückschlüsse ziehen, mit welchen Ritualen sie bereits arbeiteten und welche vielleicht demnächst ihre Arbeit beeinflussen könnten.

Zwei Vorträge die parallel zu den Workshops liefen, konnten nicht konträrer sein. Zuerst berichtet Dr. Birgit Wagner von der Medical School Berlin über den Stand bei der "Geschwisterstudie", die vom VEID initiiert wurde und gemeinsam mit der Berliner Bildungs- und Forschungseinrichtung durchgeführt wird. Meilenstein für unsere Arbeit, die Studie wird gefördert vom Bundesfamilienministerium. Hier geht es um das Leben, das Weiterleben der trauernden Geschwister, wenn sie mit dem Tod von Schwester oder Bruder versuchen umzugehen.

Um "Erfahrungen mit der Organspende" ging es im anschließenden Vortrag. Gerade dieses Thema bewegt die Gemüter in der öffentlichen Diskussion. Gebe ich ein Teil von meinem verstorbenen Kind, um die Chance eines anderen, ja fremden Kindes zum Weiterleben zu vergrößern? Was bleibt von dem Körper? Dr. Christa Wachsmuth, geschäftsführende Ärztin von der Deutschen Stiftung Organtransplantation, stellte sich dieser kontroversen Diskussion.

Roman Leitner-Shamov forderte beim "Atem-Workshop" alles von den Mitmachern. "Es war einfach nur anstrengend schön", betonten alle. Was niemand vorher nur ahnen konnte, entpuppte sich als Ganzkörper-Sauerstofftherapie mit heilender Wirkung. Tief durchatmen, kann jeder, aber man muss auf seinen Atem achten, in sich hineinhören, den richtigen Rhythmus finden. Weil es helfen kann, sich zu entspannen, auch wenn es wehtut. Sich dabei zu entkrampfen, denn der Schmerz kommt nicht von den Übungen, sondern liegt in einem selbst. Eine wichtige Grenzerfahrung für die Teilnehmer.

Für jene, die nicht an den Tagesworkshops teilnahmen, ergab sich die Möglichkeit, am Nachmittag den Friedgarten in Kabelsketal zu besuchen. Prof. Dr. Norbert Fischer hielt im Rahmen der Exkursion einen Vortrag zur Erinnerungskultur. Neben dem Einblick in die technischen Abläufe war Zeit für einen Spaziergang durch den Friedgarten. "Der schöne letzte Ort ist ein Ort des Abschieds und der Zusammenkunft", beschreibt er sich selbst auf seiner Internetseite. Und auch von diesem Ort der Ruhe und des Erinnerns nahmen die Mitreisenden Anregungen für die eigene Arbeit zu Hause auf.

"Macht Schuld etwa Sinn?" fragte am Abend Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul die Clownin Aphrodite. Das Publikum zeigte sich begeistert, mit welcher Leichtigkeit im Wechselspiel von Nachdenklichkeit, Clownerie, Erschütterung und Witz sich die beiden im Spiel auf der Bühne und im Publikum näherten. Doch schien die Zeit zu kurz, denn schnell war dieser unterhaltsam, melancholisch, spaßige Abend vorbei. Es bedarf einer Zugabe, wie am Sonntag in der Auswertung aller Veranstaltungen vom Samstag die Zuschauer herzlich forderten.

Das traf aber auf alle Angebote zu. Man zeigte sich interessiert an den Ergebnissen der anderen und wollte doch die eigenen Erlebnisse nicht missen. Gibt es mehr? Vielleicht beim nächsten Jahrestreffen im April 2018 in Klausenhof bei Wesel.

Neuer Vorstand führt die Arbeit im Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister fort

Doch bevor die Gedanken an die nächste Tagung richtig Raum greifen konnte, wurde Rechenschaft gezogen über das letzte Jahr: Internationale Tagung in Frankfurt am Main, Katholikentag in Leipzig ... Ausgaben und Einnahmen wurden aufgezeigt, die Arbeit des Vorstandes und der Geschäftsstelle betrachtet. Die kritischen Nachfragen halfen, besser zu verstehen.

Und alles führte zu ein Standing Ovations für die scheidende 1. Vorsitzende des VEID Petra Hohn. Sehr gute Arbeit wurde durch sie von Leipzig aus geleistet. Der Bundesverband stehe auf sicheren Füßen, wie es bestätigt wurde und so konnte auch der neue Haushalt mit diesem sicheren Stand verabschiedet werden.

Auch der alte Vorstand verabschiedete sich, nach dem er für das letzte Geschäftsjahr entlastet wurde. Katrin Hartig und Gerrit Gerriets verließen den Vorstand. Elke Kilian gab die Position der Schatzmeisterin auf, um für den Beisitz neu zu kandidieren. Und Petra Hohn will nach 11 Jahren Vorstandsarbeit die Doppelposition aufgeben, um ihre ganze Kraft als Geschäftsführerin auf die tägliche Arbeit des Bundesverbandes zu konzentrieren.

Die Neuwahl des Vorstandes erfolgte für den Arbeitszeitraum der nächsten drei Jahre. Zur ersten Vorsitzenden wurde die Dr. Franziska Offermann von den Trauernden Eltern Fünf-Seen-Land, Starnberg bei München gewählt. Als 2. Vorsitzende nimmt Kerstin Gleisberg von den Verwaisten Eltern und trauernden Geschwister aus Dresden ihre Arbeit auf. Als neue Mitglieder im Vorstand wurden Ricardo Sirvent vom Kony e.V. aus Kalchreuth bei Erlangen in die Funktion des Schatzmeisters und Michael Lindner von den Verwaisten Eltern und trauernden Geschwistern aus Leipzig in die Funktion des Schriftführers gewählt. Karin Grabenhorst, Stephan Hadraschek, Dieter Jantz und Elke Kilian wurden als Beisitzer wiedergewählt.

Der achtköpfige neue Vorstand wird die bisherige erfolgreiche Arbeit fortsetzen und will weitere neue Impulse setzen. Er will sich an dem Erreichten aus den vergangenen 20 Jahren VEID messen lassen, um weiterhin ein "festes Geländer für Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister" und kompetenter Ansprechpartner zu sein bei Hilfsangeboten um Tod eines Kindes für alle Berufsgruppen, Wissenschaftler und auch für die Politik.

Michael Lindner

Impressionen von der Jahrestagung

Lieder schreiben mit Luci van Org und Hauke Scholten
Lieder schreiben mit Luci van Org und Hauke Scholten
Specksteinarbeit
Specksteinarbeit
Specksteinarbeit
Specksteinarbeit
Specksteinarbeit
Specksteinarbeit
Ausflug zum Friedgarten in Kabelsketal
Ausflug zum Friedgarten in Kabelsketal
„Macht Schuld etwa Sinn?“ fragte am Abend Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul die Clownin Aphrodite
„Macht Schuld etwa Sinn?“ fragte am Abend Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul die Clownin Aphrodite
„Macht Schuld etwa Sinn?“ fragte am Abend Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul die Clownin Aphrodite
„Macht Schuld etwa Sinn?“ fragte am Abend Trauerbegleiterin und Autorin Chris Paul die Clownin Aphrodite
Der Vorstand dankt Petra Hohn
Der Vorstand dankt Petra Hohn
Der alte Vorstand: Elke Kilian, Kerstin Gleißberg, Beate Bahnert, Stephan Hadraschek, Katrin Hartig, Petra Hohn, Karin Grabenhorst
Der alte Vorstand: Elke Kilian, Kerstin Gleißberg, Beate Bahnert, Stephan Hadraschek, Katrin Hartig, Petra Hohn, Karin Grabenhorst
Der neue Vorstand: Franziska Offermann, Kerstin Gleißberg, Michael Lindner, Stephan Hadraschek, Karin Grabenhorst, Ricardo Sirvent, Elke Kilian
Der neue Vorstand: Franziska Offermann, Kerstin Gleißberg, Michael Lindner, Stephan Hadraschek, Karin Grabenhorst, Ricardo Sirvent, Elke Kilian

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