Predigt zur Jahrestagung

 

Psalm 137,   1-4

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserem Heulen fröhlich sein: "Singt uns ein Lied von Zion!" Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Lande?

Ja, an den Wassern sitzen wir und weinen. Wie können wir singen im fremden Land?

Der Tod unserer Kinder hat uns aus unserem Heimatland in die Emigration vertrieben, in ein fremdes Land gezwungen, ins Land der Trauer.

Wir hatten uns eingerichtet in unserem Leben, wir waren dort zu Hause: mit unserem Alltag, unserer Familie, unseren Freunden, unserer Wohnung und unserer Arbeit. Wir kannten uns aus mit uns selber, wir verstanden die Sprache der anderen, wir konnten uns anderen verständlich machen, wir waren uns selbst und anderen vertraut, und: wir vertrauten dem Leben, dem Wachsen und Gedeihen.

Und nun sitzen wir im fremden Land, sind Emigranten, verstehen die Sprache der anderen nicht, sie verstehen uns nicht und wir verstehen uns selber nicht mehr. Wir sind uns und anderen fremd geworden und die anderen sind Fremde für uns. Freunde sind nicht mehr unsere Freunde, Nachbarn verschließen ihre Türen, ein Zimmer in der Wohnung ist nun unbewohnt und unsere Arbeit ist nicht mehr UNSERE Arbeit, sondern nur noch Mühsal und Plage.

Wie können wir singen im fremden Land? Wir haben unsere Harfen in die Weiden gehängt und sitzen gelähmt und trauernd am Fluss, dessen Wasser dahin fließen und uns nicht mitnehmen können auf ihre Reise. Da fließt unser bisheriges Leben dahin; ehe wir es wahrnehmen und festhalten können, fließt es vorbei.

Und unser zukünftiges Leben?

Wir glauben nicht mehr an ein zukünftiges Leben! Der Tod unserer Kinder hat auch uns getötet. Wir sind Gefangene der Trauer.

Gott, sieh unser Leid! Sieh unsere Sprachlosigkeit! Sammle unsere bitteren und trüben Tränen!

Alle nehmen sich aus einer Schale eine kleine, ovale, matt-blaue Glas-Träne.

 

Psalm 42,   2-4, 7-8, 10

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berge Misar. Deine Fluten rauschen daher, und eine Tiefe ruft die andere; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen?

Und doch lebt etwas in uns, schreit nach Hilfe, schreit nach Gott, sucht frisches Wasser und sehnt sich nach Lebendigkeit.

Wir weinen und weinen und weinen! Unsere Tränen sind unsere Speise Tag und Nacht. Unsere Tränen quellen aus uns heraus, aus einem scheinbar nie versiegenden Quelltopf.

Wir weinen Tränen der Trauer, der Verzweiflung, der Wut, der Fassungslosigkeit, der Sehnsucht, des Schmerzes, der Klage, der Einsamkeit und der Angst. Wir weinen um unsere Kinder, um uns selbst, um das verlorene Leben und die verhangene Zukunft.

Aus uns heraus brechen Wogen und Wellen und haben ein leichtes Spiel mit uns, weil wir den Boden unter unseren Füßen verloren haben. Sind unsere eigenen Tränen zu einer Sintflut geworden -die geweinten und auch all die ungeweinten?

Wussten Sie übrigens, dass Wissenschaftler festgestellt haben, dass Trauertränen chemisch eine andere Zusammensetzung haben, als Freudentränen? Trauertränen enthalten Giftstoffe, die den Körper verlassen sollten; bleiben sie ungeweint, vergiften sie den Körper, machen ihn krank.

Nehmen wir unsere Tränen also als ein Geschenk unserer Seele an! Jede einzelne Träne, die warm und salzig unsere Augen verlässt, reinigt uns, lässt etwas abfließen und hat eine Botschaft für andere und uns selbst. Tränen sind ein Teil unserer Lebendigkeit!

Gott, wandle unsere Tränen, schenke uns ein lebendiges Leben und sammle unsere warmen, salzigen und heilsamen Tränen!

Alle nehmen sich eine kleine, ovale, klar-blaue Glas-Träne.

 

Jesaja 41,   17-19

Ich, der Herr, will sie erhören; ich, der Gott Israels will sie nicht verlassen. Ich will Wasserbäche auf den Höhen öffnen und Quellen mitten auf den Feldern und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen. Ich will in der Wüste wachsen lassen Zedern, Akazien, Myrten und Ölbäume; ich will in der Steppe pflanzen miteinander Zypressen, Buchsbaum und Kiefern.

Haben wir manchmal das Gefühl, in Fluten und Wogen zu ertrinken und kein Land zu sehen, so fühlen wir uns ein anderes Mal wie in einer heißen Wüste lebend: kein Baum, kein Schatten, kein Wasser, kein Leben; wir verdorren, der Wind treibt uns den Sand in Nase, Augen und Ohren. Wir sind wie blind, schmecken, hören und sehen nichts mehr.

Doch dann trifft uns die Zusage Gottes, uns nicht zu verlassen, Quellen zu öffnen und Leben sprießen zu lassen:

"Ich will pflanzen und wachsen lassen Zedern, Akazien, Myrten, Ölbäume, Zypressen, Buchsbaum und Kiefern."   WELCH EIN BILD!

"Aus den Tränen wächst die Hoffnung." Marina Kullen hat vor fast sieben Jahren ihren kleinen Bruder verloren und malte das Bild für unsere Tagungseinladung. Es ist, als habe sie den Jesaja-Text gemalt -Gottes Zusage in ein Bild verwandelt!

Marina hat einen Lebensbaum, einen Hoffnungsbaum gemalt. Sein Stamm ist fest und strahlt Sicherheit und Stabilität aus. Jede einzelne Wurzel nährt sich aus ihrem eigenen Tränensee. Wir wissen, dass diese Tränenseen vom großen Quelltopf gespeist werden, - den wir alle selber in uns haben, den es zu entdecken gilt und der unerschöpflich ist, weil Gott selber dafür sorgt.

Zedern, Akazien, Myrten, Ölbäume, Zypressen, Buchsbaum und Kiefern pflanzt Gott und lässt sie wachsen. Hören Sie das Rauschen des Windes in diesen Bäumen? Jeder Baum hat eine andere Melodie!

Riechen Sie den Duft der Blätter und Blüten? Besonders intensiv duftet alles nach einem warmen Regen.

Mit allen Sinnen können wir die Jesajaworte und Marinas Bild in uns aufnehmen. Wir hören, sehen, schmecken und fühlen das Werden und Wachsen im fremden Land, das uns langsam vertraut wird.

Und unser Herz füllt sich mit Hoffnung. Mit der Hoffnung, dass unser Schmerz sich wandelt; mit der Hoffnung, dass eine neue, andere Lebensmelodie entsteht - eine Melodie, die die Vergangenheit nicht vergisst, die Melodie des gestorbenen Kindes mit hinein nimmt und eine Zukunft singt.

Marinas Baum ist ein Baum für jeden einzelnen von uns. Er ist aber auch ein Baum, der symbolisch für uns alle zusammen steht: der Stamm ist so stabil, weil wir uns gegenseitig stützen. Aus unserer Gemeinsamkeit, aus unserem Zusammenhalt in aller Verschiedenheit, wachsen Äste, Zweige und Blätter und Blüten. Wir gehen achtsam mit uns um, wir hören uns zu und helfen uns gegenseitig, unsere Quellen zum Überleben und Leben zu entdecken, aus ihnen zu schöpfen und ihnen zu vertrauen. Wir lassen wieder Vögel in den Ästen wohnen und ihre Lieder singen.

Wir werden nie mehr in unser altes Land zurückkehren können, wir werden im neuen Land immer ein bisschen die Fremden bleiben und unser Schmerz und unsere Trauer werden immer an unserer Seite als ein Teil von uns bleiben. Aber wir dürfen und können neue Melodien singen und neue, andere Früchte an unseren Bäumen pflegen und umsorgen. Und wir dürfen daran glauben, dass Gott unsere Herzen mit allen Tränen in seinen Händen hält, dass in seinem Herzen unsere toten und lebenden Kinder und wir selbst ein Zuhause haben.

"Gott, lass die Weinenden nicht ohne Beistand, sondern traure mit den Trauernden."

(Sirach 7, 38)   Hilf uns, aus den Quellen zu schöpfen, unseren Lebensbaum zu nähren und lass die Hoffnung in uns Wohnung nehmen!

AMEN

 

Gisela Sommer, Mittelweg 20 A, 38678 Clausthal-Zellerfeld, Tel./Fax 05323/3305

Krankenschwester; Prädikantin (evangelisch); verwaiste Mutter; Begleiterin der SHG Goslar und Osterode; Trauerbegleiterin.

 


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