Mit Flächenbränden des Lebens gegen tödliche Kälte

 

Fritz Roth als Referent in Moritzburg am 30. 3. 2007

Fritz Roth, Jg. 1949, kam vor 23 Jahren als "Seiteneinsteiger" zu Bestattung und Trauerbegleitung, indem er einen Bestattungsbetrieb übernahm. (Vorher war er als Unternehmensberater tätig gewesen.) Seitdem kämpft er mit Worten und Taten, einfallsreich, unerschrocken und hartnäckig für einen lebendigen Umgang mit Tod und Trauer. Fritz Roth führt in Bergisch Gladbach ein "Haus der menschlichen Begleitung" mit privatem Friedhof und hat eine private Trauerakademie ins Leben gerufen. Mit zahlreichen Veröffentlichungen, Interviews, Vorträgen und Einmischungen in Politik und Gesellschaft wurde er bekannt. Galt er zunächst als Außenseiter in der Branche, ist sein Ruf inzwischen bundesweit in offene Ohren gedrungen. Fest verstopfte Gehörgänge versucht er unermüdlich zu durchstoßen. "Da laufe ich zur Hochform auf!", versichert er glaubhaft.
www.trauerakademie.de
www.puetz-roth.de

Mit dem Flugzeug ist der Referent aus Nordrhein-Westfalen nach Dresden/Moritzburg gekommen und fliegt unmittelbar nach seinem Vortrag wieder zurück. Nicht ganz, für ein Bierchen reicht die Zeit noch, und überhaupt ist Hektik wohl nicht seine Sache. Fritz Roth strahlt freundliche Ruhe aus und hört seinem Gesprächspartner aufmerksam zu, nimmt sein Gegenüber ernst und hat gleichzeitig den Schalk im Nacken. Vor dem Auditorium braucht er keine Notizen. In Gestik und Mimik lebhaft, im wahrsten Sinne des Wortes, mit zahlreichen Beispielen aus seiner praktischen Tätigkeit, ist er selbst beredtes Beispiel dafür, dass Tod und Leben zusammengehören.

Urvertrauen
Fritz Roth stammt aus einer katholisch geprägten bäuerlichen Großfamilie. Vier Geschwister sind klein gestorben, mit ihm überlebten fünf Kinder. Auch als die Großmutter starb, wurden die Enkel nicht weggeschickt. Das gibt Urvertrauen fürs Leben. Fritz Roth betont deshalb, wie wichtig es ist, in Sterben und Trauer ein vertrautes Haus zu haben. Denn der Tod ist immer unvertraut. Angehörige stehen an einer Schwelle, und nur zu schnell versucht die Reglementierungswut kleinlicher Bürokraten samt automatisierten Dienstleistern, ihnen ihre Toten möglichst rasch wegzunehmen. So ist es kaum noch möglich, Tod und Sterben sinnlich zu erfahren -der Fernseher bildet keinen Ersatz. Die Folgen sind verheerend. Dagegen will Fritz Roth "Flächenbrände des Lebens entfachen".

Trauer ist Liebe
Fritz Roth hat erfahren, dass Verstorbene Geschenke hinterlassen -wenn wir denn bereit sind, sie anzunehmen: Zunächst das Geschenk der Zeit, die zum tiefen Nachdenken über den Sinn des Lebens führt. Einen sinnlosen Tod gäbe es nicht, wie es ja auch kein sinnloses Leben gibt. Ein realer Gottesbeweis sei das im Tode ruhende Gesicht. (Eltern, die ihre Kinder auf gewaltsame Weise verloren haben, werden über dieser Aussage lange zu grübeln haben.) Das größte Geschenk aber ist die Liebe. Roth spricht deshalb auch von den Trauerliebenden oder Trauerverliebten. Jeder weiß und hat selbst erlebt, wieviel Kraft und Kreativität die Liebe auslöst -Kunst und Medien sind voll davon. Jeder hält das für normal. Wenn aber ein geliebter Mensch stirbt und die Seele zutiefst aufgewühlt wird, soll sich der Trauerliebende stumm zurückziehen und sich verwalten lassen! Das ist schizophren. Fritz Roth ermutigt im Gegensatz dazu zu "Trauer-Power", die ebenfalls ungeahnte Kreativität freisetzen kann, bis hin zu "anarchistischer Energie". Ein gebrochenes Herz ist offen und hat die Chance in sich, unter Schmerzen etwas Neues wachsen zu lassen. Lachen und weinen kommen aus derselben Quelle, wer wüsste das nicht.

Scheinbare Zwänge von Anfang bis Ende
"Es ist eine Unverschämtheit, das Leben nach Gramm einzuteilen!" Fritz Roth meint damit Gesetzgebungen, die untersagen, "Tote unter 500g" auf Friedhöfen zu bestatten. Roth sieht demzufolge auch keine Pflicht, die winzigen Frühestverstorbenen zum Friedhof zu bringen (welch deutsches Unwort: Friedhofszwang!), und ermöglicht es Eltern, ihren Kindern auf ihre Weise einen gemäßen Platz zu geben und diesen individuell zu gestalten, sei es mit einer Schatztruhe, in einem Körbchen oder Schuhkarton oder mit einem Rucksack für die Reise. Voraussetzung dafür sind allerdings Menschen, die die Eltern unterstützen, ihr verstorbenes Kind etwa aus dem Krankenhaus mit nach Hause zu nehmen -Bestatter wie zum Beispiel Fritz Roth, der sich von keinem Gesetz der Welt daran hindern lässt, zu tun, was den Klienten in ihrem Empfinden guttut. Denn die Eltern selbst haben in ihrem Schmerz meist nicht die Kraft zum Kämpfen. Der Tod sei der beste Lehrmeister für bürgerlichen Ungehorsam, versicherte Roth -übrigens auch schon vor einigen Jahren bei Jürgen Fliege im Fernsehen.

Nicht aus der Hand nehmen lassen
Fritz Roths Vortrag löste eine lebhafte Diskussion aus. "Mir wurde schmerzlich vor Augen geführt, was ich mir beim Tod meines Kindes habe aus der Hand nehmen lassen", sagte eine Mutter. Eine andere berichtete vom psychischen Druck, der auf sie wegen der Zustimmung zur Organentnahme ausgeübt wurde. Damit würde sie dem "sinnlosen Tod" noch einen Sinn geben, wurde ihr gesagt. Sie empfand das als Missbrauch im Namen der Nächstenliebe und kommt bis heute nicht darüber hinweg. Ein Vater appellierte dringlich an die Bestatter, sich stärker als Anwälte ihrer Klienten zu verstehen.

Raum, Zeit und Erlaubnis
Fritz Roth hat sich bei dem berühmten Trauertherapeuten Jorgos Canacakis ausbilden lassen. Von ihm hat er verinnerlicht, dass Menschen in allen sogenannten Phasen der Trauer vor allem Raum, Zeit und die Erlaubnis brauchen, ihre Trauer zu leben:
Raum -die vertraute Umgebung, vielleicht das Kinderzimmer.
Zeit -Gemeinsamkeit ohne Hast und ohne Diktat der Umwelt.
Erlaubnis -so sein, wie sie sich fühlen, und das tun, was sie als richtig empfinden, nicht die anderen.
Für alle, die bereits auf einem solchen Weg gehen -wie die verwaisten Eltern zum Treffen in Moritzburg -, ist es ermutigend zu wissen, dass es Menschen gibt, auf die sie sich verlassen können, wie Fritz Roth, aber nicht nur in Bergisch Gladbach.
Beate Bahnert
April 2007

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O-Ton Fritz Roth:

"Der Satz, für den ich um die halbe Welt fahren würde, um ihn auszumerzen, ist: Behalte sie/ihn so in Erinnerung, wie du sie/ihn gekannt hast! Das ist der Unsatz unserer Zeit."

"Schizophrenes geschieht in Deutschland: Jeder weiß alles besser als der Trauernde selber."

"Was in den besten Stunden gut ist, ist auch gut für die letzten Stunden: Menschen, die mich aushalten und alle meine Gefühle zulassen."

"Trauer ist ein Grundrecht unseres Seins, aber in Deutschland lassen wir uns die Toten stehlen!"

"Obwohl der Tod eines der aktuellsten Themen in der Medizin ist, wird er wie ein Autokauf behandelt. Im Krankenhaus ist der Tod kein Gast. Dabei könnten wir Milliarden im Gesundheitswesen einsparen, wenn wir Trauer zuließen und der Realität des Todes einen Platz im Leben einräumten."

"Wir sind nicht mehr bereit, Krisen anzunehmen."

"Auch eine Frau, die abgetrieben hat, hat ein Recht, ihr Kind zu betrauern."

"Ich fordere für jeden Toten einen Professorentitel, denn eine Stunde bei ihm sitzen, lehrt so viel."

"Jeder von uns hat in seinem Lebensrucksack das Zeug mitbekommen, das Leben zu feiern und es zu betrauern."


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