Nicht "loslassen", sondern die Liebe bewahren

 

Roland Kachler über einen neuen Ansatz in der Trauerarbeit

Bei Trauernden ist alles anders, als es die Bücherweisheit vorgeben will. Das erfuhr der Psychologe, Theologe und Therapeut Roland Kachler am eigenen Leib, als sein 16jähriger Sohn tödlich verunglückte. Hatte er vorher seinen Klienten -wie alle Fachkollegen auch -geraten, ihre Verstorbenen loszulassen, so konnte er damit jetzt selbst nichts mehr anfangen. Kein Wunder, auch Freud trauerte später ganz anders um seine Tochter, als er Trauer vorher in der Theorie beschrieben hatte. Roland Kachler fand einen neuen Ansatz in der Trauerarbeit, den er in seinem Buch "Meine Trauer wird dich finden" (Kreuz Verlag Stuttgart, 1. Aufl. 2005) beschreibt. Darin fühlen sich viele Trauernde verstanden, vor allem auch verwaiste Eltern. Zur Tagung in Moritzburg am 30. März stellte Roland Kachler sein Konzept vor. Er ermutigt nicht zum Loslassen, sondern zum Lieben über den Tod hinaus.

"Immer wieder habe ich bei mir und anderen entdeckt, dass die Beziehung zum Verstorbenen nicht zu Ende ist. Sie geht weiter, anders zwar, aber nicht mit weniger Nähe, nicht mit weniger Liebe -im Gegenteil. Loslassen und Abschiednehmen ist nur ein Teil des Trauerns -aber nicht alles!" Die Vorstellung, einen geliebten Menschen "loszulassen", versetzt viele in Schrecken. Angst macht das Nichts oder der bodenlose Abgrund, denn es gibt kein "Wohin". Gemeint ist jedoch mit dem Terminus lediglich das Realisieren der äußeren Abwesenheit, und das ist schon schwer genug. Das kann aber, im Gegenteil,  in keinem Widerspruch zu der Vorstellung stehen, den geliebten Menschen an einem sicheren Ort aufgehoben zu wissen.
Der Referent nahm die Zuhörer mit auf die Suchreise der Seele nach diesem sicheren Ort. Begleiter der Trauer sind dabei Mitgefühl (mit dem Verstorbenen bis hin zur zeitweisen Identifikation), Sehnsucht und Liebe -letztere "kristallklar wie nie, in intensivster, dichtester Form". Roland Kachler vermittelte in bewegenden Beispielen Erfahrungen aus seiner therapeutischen Praxis. Sie zeigen, dass dem "sicheren Ort" jeweils eigene Vorstellungen zugrunde liegen. Denn was dem einen gut tut, bringt anderen in ähnlicher Situation vielleicht gar nichts.

Erstens: Lokale Gegebenheiten dienen als Durchgangsorte für die Kommunikation mit dem Verstorbenen: der Unfallort oder das Krankenhaus als Sterbeort, das Kinderzimmer o.a. Besondere Bedeutung hat das Grab mit dem Wechsel der Jahreszeiten. "Am Grab kann ich die Trauer lassen und muss sie nicht ununterbrochen mit mir herumtragen."

Zweitens: Die Erinnerung lässt sich äußerlich z. B. an bestimmten Zeitpunkten festmachen -Geburtstag, Todestag. Aufschreiben lassen sich bestimmte Wahrnehmungen nacheinander, die sich zu einem Bild verdichten: "Ich sehe dich, wie du...", "Ich höre dich, wie du...", "Ich spüre dich, wie du..." Bilder, Filme, Gegenstände rufen die Erinnerung wach.

Drittens: Jeder Verstorbene braucht einen guten und sicheren Platz in der Familie. Die Familienvorstellung unterscheidet nicht zwischen Toten und Lebenden; wer sich mit Familienaufstellung beschäftigt hat, weiß das. Die Antwort auf die Frage: "Wieviele Kinder haben Sie?" ist oft bezeichnend dafür.

Viertens: Mancher spürt im eigenen Körper deutlich wie Trauer und Schmerz auch das verlorene Kind. Oft ist der Platz wie z.B. "im Herzen" lokalisierbar.

Fünftens: In der Natur, im Zusammenhang einer größeren Welt finden viele Menschen ihre Verstorbenen aufgehoben und gegenwärtig. Das wird an bestimmten Symbolen sinnfällig, z.B. Bäume, Wasser, Regenbogen u.a.

Sechstens: Religionen vermitteln den Gläubigen transzendente Orte als "ewig sichere Orte", zum Beispiel Himmel und Paradies, ewiges Licht, Gottes Hand u.a.

Das Hilfreiche an der Akzeptanz eines  eines "sicheren Ortes" -ganz gleich, welche Vorstellung dem Einzelnen am nächsten kommt -ist zweierlei: Zum einen geht die innere Beziehung zu dem verstorbenen Kind über diesen Ort, er dient also als Kommunikationsbrücke. Zum anderen können Eltern ihr verstorbenes Kind dort lassen und brauchen sich nicht mit dem Alptraum des Nichts und des Vergessen zu quälen.

Der trauernde Vater Roland Kachler bekam aus dem Publikum viel positive Resonanz. Radikal hinterfragte er die gängigen Traumatherapien und plädierte  dringend dafür, auch traumatisierende Bilder in der Erinnerung zu bewahren und sie nicht zu verdrängen. "Im Moment stürzen sich alle Therapeuten auf Trauma, obwohl es um Trauer geht!" Die Verordnung von Medikamenten ist oft das scheinbar einzige Mittel, Trauernden zu begegnen, und demonstriert doch meist nur die erschreckende Hilflosigkeit sogenannter Fachleute.
Nachzulesen ist das alles ausführlich, mit konkreten Hilfestellungen und praktischen Übungen, in dem erwähnten Buch von Roland Kachler "Meine Trauer wird dich finden", ISBN 3-7831-2585-5.
Beate Bahnert
April 2007


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