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Festrede zum 25. Jubiläum des Bundesverbandes Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (VEID)

Prof. Dr. Harald Karutz* hielt anlässlich der Jubiläumsfeier zum 25. Jahrestag des VEID eine Festrede im Leipziger Ring-Café.

Prof. Dr. Harald Karutz
Prof. Dr. Harald Karutz

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste,
liebe Verbundene und Verbündete,

erst einmal möchte ich etwas Persönliches sagen: Ich fühle mich von ganzem Herzen geehrt, zum Jubiläum des VEID eine Ansprache halten zu dürfen – und wirklich selten habe ich mir so viele Gedanken darüber gemacht, was ich denn zu diesem besonderen Anlass wohl sagen sollte. Ich halte viele Reden und Vorträge – fast immer frei. Und dass ich jetzt ablese, mögen Sie bitte als Indikator dafür deuten, dass mir das VEID-Jubiläum wirklich wichtig ist.

Ihr Engagement bedeutet mir viel, und es beeindruckt mich sehr. Ich spreche insofern sicherlich als „Fachmann“ zu Ihnen, als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats – aber insbesondere auch als Mensch. Und ich tue dies voller Respekt und Anerkennung, voller Dankbarkeit und in tiefer Demut angesichts all dessen, was Sie alle tun: Herzlichen Glückwunsch zunächst einmal zum Jubiläum des VEID – und meinen allerherzlichsten Dank dafür, dass Sie da sind, wo sie sind – und dafür dass Sie so da sind, wie sie es sind.

Ich bin nun ausdrücklich gebeten worden, mich möglichst kurz zu fassen – und, keine Sorge: das werde ich beachten! Ich habe nicht vor, einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, sondern ich möchte einige Gedanken äußern, die mir als „Schlaglichter“ zum Jubiläumsmotto „Verbindungen“ – sozusagen „assoziativ“ – in den Sinn gekommen sind. Fünf solche Schlaglichter möchte ich betrachten. Ein „Festvortrag“ soll es natürlich schon sein – mehr als ein Grußwort, weniger – und etwas anderes – als eine Vorlesung.

Was kann man zu „Verbindungen“ sagen? Als erstes kam mir Oberflächliches in den Sinn: Eine Bahnverbindung beispielsweise! Die ist gut, wenn sie schnell von A nach B führt, und wenn man ein Ziel rasch erreichen kann. Oder eine Telefonverbindung. Die ist gut, wenn sie eine hohe Sprachqualität hat – und sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Telefonat zwischen zwei Menschen gelingen kann. Ohne eine gute Verbindung zueinander kann man sich nicht zuhören und kann man sich nichts sagen.

Ich habe bei den Überlegungen zu „Verbindungen“ rasch auch eine Brücke vor Augen gehabt, die keineswegs nur Orte verbindet, sondern zum Beispiel auch ein Gewässer oder eine Kluft überwindet. In diesem Zusammenhang ist mir ebenso in den Sinn gekommen, wie ein Mensch einem anderen Menschen „eine Brücke bauen“ kann, um sich nach einem Streit zu versöhnen, wieder zueinander zu finden oder über etwas Schwieriges, Trauriges und Bedrückendes hinweg zu kommen.

Und mir sind spontan Erinnerungen in den Sinn gekommen, die letztlich Verbindungen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart sind: Erinnerungen sorgen dafür, dass das, was war, gegenwärtig, erhalten und lebendig bleibt. Vor diesem Hintergrund möchte ich nun aber noch etwas weiter einsteigen.

I. Verbindungen entstehen aus einem besonderen Grund

Gern möchte ich damit beginnen, wie ich den VEID kennengelernt habe. 2004 hat es in Niedersachsen zwei furchtbare Verbrechen gegeben: Der Täter ist inzwischen gefasst und sitzt aufgrund der besonderen Schwere seiner Schuld für immer im Gefängnis.

Die Klassenlehrerin des einen getöteten Kindes – meines Erachtens eine wunderbare Pädagogin – hatte sich damals an mich gewendet und gefragt, ob ich ihr helfen könnte. Sie hatte meine Doktorarbeit zur Psychischen Ersten Hilfe für Kinder offenbar im Internet gefunden und wusste nicht so recht weiter: Wie sollte sie mit den übrigen Kindern in ihrer Klasse umgehen? Was sollte sie sagen und tun – und was sollte sie besser lassen?

Ich wusste auch nicht so richtig weiter, aber dennoch bin ich nach Bremervörde gefahren, habe ich mich mit der Lehrerin getroffen und in den folgenden Wochen auch noch häufig mit ihr telefoniert. Klugen Rat geben konnte ich zwar nicht, Patentrezepte hatte ich schon gar nicht. Aber ich konnte mit überlegen, was für die Mitschülerinnen und Mitschüler des getöteten Jungen hilfreich sein könnte. Nur am Rande sei dazu bemerkt: Verbindende Rituale waren etwas Hilfreiches: Das gemeinsame Aushalten, die gemeinsame Trauer, die gemeinsame Fassungslosigkeit: Die Lehrerin hat sich damals schon dafür eingesetzt, dass all das Unglück, all die Wut und Verzweiflung offen, klar und deutlich angesprochen werden konnten.

Sie hat Liedertexte gedichtet, ein Bilderbuch geschrieben, Briefe schreiben lassen und die Kinder an ein Lagerfeuer gesetzt. Sie hat die Kinder in ihre Arme genommen und deutlich gemacht, dass kein Kind mit seiner Angst, seiner Sorge und Traurigkeit alleine war. Und sie hat zu Elternabenden eingeladen, um über das Geschehene zu sprechen. Diese Lehrerin hat viel von dem getan, was auch den VEID charakterisiert – ich muss allerdings gestehen: Zu diesem Zeitpunkt kannte ich den VEID noch nicht einmal.

Erst einige Zeit später fand in Hamburg ein Bundeskongress „Notfallseelsorge und Krisenintervention“ statt. Dort habe ich an einem Workshop teilgenommen, den eine sehr engagierte Frau gestaltet hat: Es ging um die Begleitung von Familien nach dem Tod eines Kindes. Es war die Mutter des zweiten, vom gleichen Täter ermordeten Kindes, die sich inzwischen für den VEID engagierte. Das hat mich damals schon zutiefst beeindruckt. So ist meine Verbindung zum VEID entstanden; und jede und jeder von Ihnen hat ihre oder seine eigene – noch viel persönlichere – Geschichte, die sie oder ihn mit dem VEID in Verbindung gebracht hat.

II. Verbindungen wachsen, reifen und verändern sich

Wenn ein Mensch, ein Kind, stirbt, passiert auch etwas mit den Verbindungen untereinander. Mein Eindruck ist: Die Verbindung hört keineswegs auf – eher denke ich, dass sie noch stärker und noch viel intensiver wird als je zuvor. Das ist auch keine dahergesagte Binsenweisheit, sondern eine zutiefst schmerzhafte, allerdings auch tröstende Erfahrung.

Ohne zu sehr ins Persönliche gehen zu wollen, möchte ich eine eigene Beobachtung schildern, die ich – selbst „Kind“ – nach dem Tod meiner Eltern gesammelt habe: Nie habe ich so viel an meine Eltern gedacht. Nie sind sie mir so nah gewesen. Nie habe ich sie so innig geliebt wie nach ihrem Tod. Und ich weiß aus vielen Gesprächen mit Trauernden, dass dieses Empfinden durchaus nicht ungewöhnlich ist: Der Tod löst Verbindungen nicht auf, sondern der Tod stärkt sie noch. Der Tod trennt äußerlich, aber der Tod vereint innerlich, und zwar in einer Art und Weise, die Menschen ohne ganz bestimmte Abschiedserfahrungen mitunter kaum nachvollziehen können.

Manche Verbindungen münden erst durch und nach dem Tod in einer sehr besonderen „Vereinigung“. Auf einer persönlichen Ebene – und auf einer institutionellen Ebene noch dazu. Auch und gerade auf diese Weise ist der VEID entstanden. Es ist ein eingetragener „Verein“, aber eben auch eine wirkliche „Vereinigung“ von Menschen, die durch ihre Erfahrungen miteinander verbunden sind.

Darüber hinaus kommt aber noch etwas anderes hinzu: Aus Verbindungen entstehen nicht nur Vereinigungen (lateinisch zunächst einmal: „confusio“ oder „commixtio“) – sondern es entsteht letztlich auch immer etwas Neues (lateinisch: „accessio“), also: Vermehrung, Bereicherung und Wachstum:

In der Biologie beobachtet man, wie ein Samenkorn auf fruchtbaren Boden fällt und eine Verbindung mit eben diesem Boden eingeht: Aus den zarten Wurzeln wächst dann ein Pflänzchen heran.

In der Rechtswissenschaft wird darüber diskutiert, wann aus einer Verbindung ein neues „Rechtsgut“ entsteht; wenn aus Hilfs- oder Betriebsstoffen beispielsweise – mit allen Folgen für das Haftungs-, Urheber- und Nutzungsrecht – ein ganz neues Produkt hergestellt wird. Gleiches gilt für Unternehmensgründungen, Eheschließungen und weitere Partnerschaften im juristischen Sinne: In all diesen Fällen ist das Neue; ist das Ergebnis einer Verbindung immer mehr als die Summe seiner Teile!

In diesem Zusammenhang lohnt nicht zuletzt sogar ein Blick in die Chemie: So können Metalle, die miteinander verschmelzen und eine chemische Verbindung eingehen, ganz andere Eigenschaften entwickeln, als es zuvor der Fall gewesen ist: Die „Härte“ und „Zugfestigkeit“ vieler Legierungen ist beispielsweise stärker als bei den einzelnen Metallen: Verbindungen sorgen insofern auch für Belastbarkeit und Resilienz. Das verweist auf den nächsten Punkt:

III. Verbindungen sind wirksam

Verbindungen sind notwendig, um furchtbare, schmerzhafte Krisen überhaupt irgendwie überstehen zu können. Das zeigen Ergebnisse aus der Bindungsforschung. Wer stabile Bindungen zu anderen Menschen hat, an- und eingebunden ist in ein soziales Netz; der ist resilienter als andere, und der wird von und in diesem Netz getragen; der ist von und in diesem Netzwerk aufgehoben. Doppelsinnig „auf gehoben“: Zum einen „bewahrt“, wie ein kostbarer, ein besonders wertvoller Schatz, den nur Eingeweihte erahnen können und in seiner Eigentümlichkeit zu schätzen wissen. Und zum anderen „aufgehoben“, d. h. „aufgerichtet“, weil ihm oder ihr vielleicht aufgeholfen werden musste, wenn er oder sie in der dunkelsten Stunde des Lebens sprichwörtlich „zu Boden gegangen“ ist.

Liebe Mitglieder des VEID: Sie alle sind solche Schätze, die sich in diesem Sinne gegenseitig aufgehoben haben und die andere aufheben, denen es ergangen ist wie ihnen.

Auch der Wissenschaftler Steven Hobfoll weist in seinen Prinzipien – den berühmten „five elements“ – für die Krisenintervention auf die Bedeutung von Kontakt und Verbindung, von An- und Einbindung hin; er spricht konkret von „Connectedness“.

Ich habe vor zwanzig Jahren schon mal ein Regelwerk vorgeschlagen, bei dem die einzelnen Buchstaben P, A, K und T für einzelne Hinweise stehen, die man im Umgang mit Menschen in Krisen beachten soll: „P“: Präsenz zeigen und da sein ist das eine. „A“: Hilfreiche Aktivität kommt hinzu, also konstruktives Bewältigungshandeln. „K“: Eine besondere Kommunikation ist wichtig, und nicht zuletzt „T“: Die aufrichtige, empathische Anteilnahme.

Wichtiger als die einzelnen Regeln ist aber das Akronym als Ganzes: Der „PAKT“; das enge Bündnis, das man miteinander eingehen muss, um gemeinsam Schwieriges – Unaussprechliches – auszuhalten, zu überstehen und zu überwinden.

Sie alle sind solche Bündnisse eingegangen. Sie sind in Verbindung getreten und haben Verbindungen geschaffen, wo es schien, als wäre alles Verbindende zerstört, als wäre jeder, wirklich jeder Halt verloren gegangen. Dies führt mich zu einem weiteren Punkt.

IV. Verbindungen enthalten heilsame Zeichen

Ich habe recherchiert, was die Etymologie zum Wort „Verbindung“ sagt – und bin auf interessante Zusammenhänge gestoßen: „Verbindung“ steht nicht nur für das „im Kontakt bleiben“, es steht auch dafür, eine Binde, einen Verband behutsam auf eine Wunde zu legen. Eine Blutung zu stillen. Mehr noch: Es gibt im althochdeutschen einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der „Verbindung“ und der „Berührung“. Hier ist es einerseits die körperliche Berührung, aber eben auch das Berührtsein im Herzen und in der Seele.

Und noch eine Bedeutung kommt hinzu: Die „Binde“, die „Ver-Bindung“, die man um seinen Oberarm trägt, als Erkennungszeichen, wer zum eigenen „Verband“ gehört, mit wem man eigentlich verbunden ist. Als ich das gelesen habe, ist mir das Logo des VEID in den Sinn gekommen. Natürlich ist es ein unterbrochener Regenbogen, der den Riss symbolisiert, der nach dem Tod eines Kindes durch das gesamte Leben geht. Es könnte in meinem Zusammenhang aber zumindest auch ein Viertel der vielen Bindengänge sein, die um den Oberarm gewickelt werden. Als Wundverband, und als Erkennungszeichen füreinander.

Sie, liebe Verbundene und Verbündete, haben einander erkannt. Sie haben gelernt, Symbole und Zeichen zu lesen; und genau deshalb sind sie miteinander verbunden. Das verweist auf meinen letzten Gedanken, mit dem ich zum Ende kommen möchte. Auch darin geht es um ein sehr besonderes Zeichen.

V. Verbindungen sind auf die Zukunft bezogen

Bei einem Unglück verstirbt eine Mutter mit ihren beiden Kindern. Zurück bleibt der Ehemann, der Vater der beiden Kinder. Schockiert und fassungslos.

Dieser – übrigens tief religiöse – Ehemann macht sich einige Wochen später auf eine wochenlange Wanderung und denkt dabei über sein Leben nach. Über das, was war – und über das, was jetzt noch kommen mag. Er steht vor einer unvorstellbaren Aufgabe, nämlich weiterzuleben mit all dem, was ihm widerfahren ist. Er braucht einen Verband, eine Ver-Bindung, die seine Wunden heilen hilft.

Jetzt wird es fast ein wenig mystisch, aber so ist es tatsächlich passiert: Auf seiner Wanderung sitzt er unter einem Baum, eine fremde Frau setzt sich zu ihm. Sie kommen ins Gespräch, das eine gibt das andere. Ausgerechnet ein Schmetterling – das Lieblingstier der verstorbenen Frau – setzt sich auf das Knie der Fremden. Es stellt sich heraus: Sie hat in ihrem Leben eine ganz ähnliche Erfahrung machen müssen wie der wandernde, trauernde Mann.

Was ist das für ein Zeichen? Die beiden werden ein Paar. Helfen einander „loszulassen“ und sich zu „ent-binden“, indem sie sich ver-binden. Der Schmetterling hat beiden genau dabei den Weg gewiesen. Wie kein anderes Lebewesen steht ein Schmetterling ohnehin für Entwicklung, Verwandlung und Neubeginn. Und um in meinen bisherigen Metaphern zu bleiben: Der Schmetterling steht damit auch für das Wechselspiel von Ent-Bindung und neuer, neu gestalteter Ver-Bindung.

Sehr geehrte Damen und Herren, so ist es in Ihrem und unserem Leben. Man kann es – wie der Pädagoge und Philosoph Otto-Friedrich Bollnow geschrieben hat – als eine permanente Krisenerfahrung betrachten, weil das ständige Werden und Vergehen und die Auseinandersetzung damit unvorstellbare Kraft kostet. Weil unser Leben in permanenter Unruhe ist. Weil unsere Bindungen sich aller Liebe und allen Bemühungen zum Trotz nur sehr, sehr eingeschränkt „planen“ lassen. Weil wir immer wieder neu gefordert sind, verbunden, ein- und angebunden zu bleiben. Indem Sie im VEID verbunden und engagiert sind, zeigen Sie zugleich, wie genau DAS gelingen kann.

Sie alle sind der VEID – und nur durch sie und mit Ihnen ist dieser Verband, Verbund und Verein überhaupt möglich – mit allem, was dazu gehört. Sie sorgen für die so wichtigen, wertvollen und hilfreichen Verbindungen mit all ihren Wirkfacetten.

Danke, dass es Sie gibt – und alles Gute für Sie.

* Prof. Dr. Harald Karutz ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des VEID