Mut und Gnade

Am 22.September letzten Jahres starb unsere Tochter völlig unvorhersehbar an plötzlichem Herztod, im Schlaf. Ihr Gesicht war ganz entspannt und ihre Lippen zeigten ein sanftes Lächeln. Offensichtlich ist sie ganz ruhig in die für uns unsichtbare Welt gegangen.

 

In der Sekunde, in der ich sie sah, war meine bis dahin sehr mächtige Angst vor dem Tod wie durch einen Windstoß verflogen. In den ersten Monaten, die durch alle erdenklichen chaotischen Gefühle gekennzeichnet waren, klammerte ich mich an eine Vielzahl tröstender Bücher. Meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit galt ungeteilt nur noch dem mystischen Bereich, der Spiritualität sowie der Bewusstseinsforschung um den Zeitpunkt des Todes. Von einem guten Freund, einem Psychologen, erhielt ich ganz am Anfang meiner “Reise” in die andere Sphäre das Buch von Ken und Treya Wilber Mut und Gnade als Geschenk. Diese beiden wunderbaren Menschen, von denen ich heute als meinen Freunden erzähle, schenkten sowohl mir, als auch meinem Mann in der Zeit der größten Verletztheit, Entwurzelung und veränderten Weltsicht soviel Kraft, Trost und Mut, dass wir unseren Weg weitergehen konnten.

 

Sehr bewegend erzählt es die Geschichte von zwei tief spirituellen, begabten und differenzierten Menschen, deren erste Begegnung sie schon wissen lässt, dass sie füreinander geschaffen sind, “als gehörten sie schon viele Menschenleben zusammen”. Kurz darauf heiraten sie. Doch schon eine Woche nach der Hochzeit erfährt Treya, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Diese Hiobsbotschaft ist der Anfang einer 5jährigen symbiotischen Wegstrecke im gemeinsamen heroischen Kampf gegen die Krankheit, sowie dem mutigen Entschluss, dem Sterben bewusst zu begegnen und den Tod anzunehmen. Gemeinsam haben sie einen Weg gefunden, ihr kleines Ich aufzugeben, um zu einer den Tod überlebenden Vereinigung zu finden.

 

Ken als der führende Theoretiker der transpersonalen Psychotherapie, die über die herkömmliche Psychologie hinaus auch die Psychologie der spirituellen Erfahrung einbezieht, gewährt uns im Verlauf des Buches immer wieder Einblicke in tiefe psychologische und spirituelle Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten des Menschen. Er gilt heute als der Einstein der Bewusstseinsforschung.

 

Treyas zutiefst ergreifende Tagebuchaufzeichnungen berühren die Seele und bieten uns die Einsicht, dass das Sterben bzw. der Tod nicht einfach das Ende des Lebens ist, sondern der Übergang in ein neues erweitertes Bewusstsein, das auch unserem Leben ein tieferes Verständnis verleiht. Ken begleitet sie auf  ihrem Weg. Kens und Treyas Beziehung erreicht dadurch eine Tiefe und Innigkeit, die über den Tod hinausreicht.

 

Die Geschichte dieser beiden großen Menschen bietet mir immer wieder Halt und Hilfe in Momenten der Dunkelheit, in denen mein Glaube ins Wanken gerät und ich nach greifbarer Erfahrung strebe. Treya lebt in ihrem Tod die offen daliegende Wahrheit des alltäglichen und ewigen Gewahrseins der Menschen, des simplen Gewahrseins dessen, was ist. Die letzte Tagebuch-eintragung, die sie kurz vor ihrem Tod in klaren, kraftvollen Worten schreibt, lautet:

 

“Es braucht Gnade, ja – und Mut!” Mut und Gnade, Tun und Sein, Wille und Ergebung –diese Zusammenfügung zu einem harmonischen Ganzen war Treya gelungen. Obwohl sie bis zum Schluss für das Leben kämpfte, ist sie im Angesicht des Todes nicht nur völlig frei von Angst, sondern sie ist erfüllt von einer heiligen Freude und einer wunderbaren klaren Sammlung, wenn sie sagt: "Ich gehe jetzt, ich bin so glücklich."

 

Dieser Weg hin zum Wesentlichen, zum innersten Kern unseres Seins, auf dem der Tod Treyas größter Lehrer war, hat mir wieder Boden unter den Füßen geschenkt. Er zeigt auch so klar, dass Tod nicht Fehlschlag und Leben nicht Lohn ist. Es ist der Weg der Liebe, die dich weit über dich selbst hinausträgt.

 

Der Autor:

Ken Wilber

Goldmann München 1996

446 Seiten

€ 8,45

 

Buchtipp von:

Petra Hoerz-Schmückle

 


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