Miranda, gerade achtzehn geworden, ist beim Segeln vor der niederländischen Küste tödlich verunglückt. Ein Unfall - viel mehr erfährt die Familie nicht. Mirandas Vater aber will sich nicht mit den Ermittlungen zufrieden geben und beginnt, auf eigene Faust nach dem Schuldigen zu suchen. Er wird unleidlich, vernachlässigt seine Familie, seine Arbeit in der Londoner Werbeagentur und schließlich sich selbst. Mirandas Zwillingsschwester hält es bald nicht mehr zu Hause aus und nimmt einen Job in Afrika an, während der jüngere Bruder, der noch zur Schule geht, zur Tante zieht. Und Louise, die Mutter? Sie ist 45, Grundschullehrerin, und entschließt sich, nach 22 Ehejahren in eine eigene Wohnung zu ziehen. Hier erst kommt sie zur Ruhe. Hier schreibt sie auf, was mit ihrer Familie nach Mirandas Tod geschehen ist, näher zu bringen, und von der Erkenntnis, dass jede, jeder den eigenen Weg finden muss, um trotz der Trauer weiterzuleben. Ein berührender Roman vom Ende einer Familie und der Hoffnung auf einen Neuanfang.
Margaret Forster, 1938 in Carlisle geboren, studierte Geschichte in Oxford. Sie hat zahlreiche Romane und mehrere Biographien veröffentlicht. Margaret Forster ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt als freie Schriftstellerin in London und im Lake District.

Roman 2007, 304 Seiten
Preis: 19.90 Euro

Arche Verlag
3-7160-2371-X
ISBN-13: 9783716023716

 

Rezension zum Buch von Dr. Maria Panzer

Der Tod eines Kindes "ist das Schlimmste, was einem in Leben zustoßen" könne, schreibt Pat in ihrem Beileidsschreiben an ihre Freundin Louise Roscoe in dem Roman "Miranda" von Margret Forster. Und sie fährt fort, sie habe vergeblich versucht, es sich vorzustellen. Die englische Autorin, bekannt für ihre sensiblen Familienporträts, trägt mit ihrem Roman dazu bei, eine Familie, die um ein Kind trauert, zu verstehen.
Bis zu dem Tag, als sich die lebensfrohe 18jährige Miranda alleine in einem Segelboot aufs Meer hinausgewagt hatte und gekentert war, führten Louise und Don mit Sohn Finn und den Zwillingsschwestern Molly und Miranda ein normales Familienleben. Kinder bereichern das Leben durch ihre Ungezwungenheit, Kinder fordern einen heraus, die Sorge um ihr Glück und darum, dass ihnen nichts zustößt, ist ständige Begleiterin verantwortungsvoller und liebender Eltern. Wenn ein Kind trotzdem stirbt, dann ist der Schmerz unbeschreiblich. Deshalb macht Forster auch gar nicht den Versuch, bis dahin vorzudringen, sondern sie beobachtet das mühsame Über- und Weiterleben der Familie nach dem Tod der Tochter und Schwester. Forster hört Louise zu, die erzählt, wie sich das Leben zwei Jahre nach dem Unfall anfühlt. Bis dahin war sie noch gar nicht in der Lage gewesen, darüber zu schreiben.
Der Roman behandelt das in unserer Gesellschaft weithin tabuisierte Thema, wie Familien trauern, wenn ein Kind verstorben ist. In Deutschland versuchen Vereine wie "Verwaiste Eltern" und andere Trauerforen im Internet den Familien in Deutschland Halt zu geben, aus denen ein Kind heraus gerissen wird. Jährlich sterben allein in Deutschland 20 000 Kinder und junge Erwachsene. Deren Angehörige trauern auf ganz unterschiedliche Weise, wie auch Forster zeigt. Während sich Don in eine fanatische Suche nach technischen Fehlern beim Bootsbau und der Sturmwarnung in Küstenregionen stürzt, findet Louise Halt in ihrer Arbeit als Grundschullehrerin. Er fühlt sich von seiner Frau im Stich gelassen, für sie ist hingegen der Anblick des zertrümmerten Bootes unerträglich. Ihm wiederum ist es unbegreiflich, dass sie schon wieder die Anwesenheit von Kindern erträgt, die sie liebevoll und umsichtig unterrichtet. Jeder hat seine eigene Wunde, jedem fehlt die Kraft, die des anderen zu versorgen. Jeder hat seinen eigenen fokussierten Blick, hinter dem allgegenwärtig das Gefühl der Leere, der nicht mehr rückgängig zu machenden Tatsache steht: Miranda ist tot.
Hilft es, zu sehen, dass auch andere Eltern leiden? Diejenigen, deren Kinder bei einem Amoklauf erschossen wurden, die im Nahen Osten einem Selbstmordattentat zum Opfer fielen, die von einem Auto überfahren wurden? Und umgekehrt: Sind Momente des Glücks normal, sind sie erlaubt?
Weil es diese auch gibt, ist dieses Buch bemerkenswert lebensbejahend und ermutigend. Im Rückblick lernt der Leser der Leser Miranda lieben, erfährt er, wie sie und ihre Zwillingsschwester Molly aufwuchsen, was sie verband, worin sie sich unterschieden, worum sie sich als Teenager stritten. Louise, die nach außen hin stark wirkt, darf im Roman ihre Verletzlichkeit zeigen. Nur selten ist sie so verbittert wie nach dem Zusammentreffen mit einer alten Schulfreundin, die wie sie Zwillingen das Leben geschenkt hat und die noch nichts von Mirandas Unfall wusste: "Ich schaute ihr nach, wie sie von der Galerie in Richtung Travalger Square verschwand, und dachte, wie erleichtert sie sein müsse, dass ihre beiden Zwillinge am Leben und wohlauf sind. Diese Gunst erweisen wir Trauernden unseren Mitmenschen -wir geben ihnen das Gefühl, Glück gehabt zu haben."
Ohne an irgendeiner Stelle in Kitsch oder Gefühlsduselei abzugleiten, beschreibt Forsters realistischer Roman über das Weiterleben nach dem Tod der Tochter den Trauerprozess und den Wandlungsprozess der Zurückgelassenen: Louise, Don, Finn und Molly.
Jedes Jahr am 2. Sonntag im Advent stellen seit vielen Jahren Betroffene rund um die ganze Welt um 19.00 Uhr brennende Kerzen in die Fenster. Während die Kerzen in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle 24 Stunden die ganze Welt umringt. Wer Forsters Buch gelesen hat, wird die Schönheit und Bedeutung dieser Geste verstehen.

Margret Forster, Miranda. Roman. Aus dem Englischen von Saskia Bontjes van Beek. Arche Literatur Verlag 2007, 312 Seiten, Preis ....


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