Die Uhr

Ich trage, wo ich gehe stets eine Uhr bei mir;

..wieviel es geschlagen habe,

..genau seh´ ich an ihr.

 

Es ist ein großer Meister

..der künstlich ihr Werk gefügt,

..wenngleich ihr Gang nicht immer dem törichten Wunsche genügt.

 

Ich wollte, sie wäre rascher gegangen – an manchen Tag;

..ich wollte, sie hätte manchmal verzögert den raschen Schlag.

In meinen Leiden und Freuden,

in Sturm und in der Ruh,

was immer geschah im Leben,

sie pochte den Takt dazu.

 

Sie schlug am Sarge des Vaters,

sie schlug an des Freundes Bahr,

sie schlug am Morgen der Liebe,

sie schlug am Traualtar.

Sie schlug an der Wiege der Kinder,

sie schlägt, will´s Gott, noch oft,

wenn bess´re Tage kommen, wie meine Seel´ es hofft.

 

Und ward sie auch manchmal träger,

und drohte zu stocken ihr Lauf,

so zog der Meister immer großmütig sie wieder auf.

 

Doch stünde sie einmal stille, dann wär´s um sie geschehn;

Kein and´rer, als der sie fügte, bringt die zerstörte zum geh´n.

 

Dann müßt´ ich zum Meister wandern, der wohnt am Ende wohl weit,

wohl draußen, jenseits der Erde,

wohl dort in der Ewigkeit!

 

Dann gäb´ ich sie ihm zurücke mit dankbar kindlichem Flehn:

Sieh´ Herr, ich hab´nichts verdorben, sie blieb von selber stehn.

 

Johann Gabriel Seidl

vertont von C. Loewe


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