Der Schmetterling

 

In den ersten Tagen des November entdeckte ich auf den Grünpflanzen, die sich noch auf dem Balkon befanden, einen Schmetterling. Es war ein Pfauenauge, seine schönen Flügel leuchteten in vielen Farben. Ich wunderte mich über den ver-späteten Gast aus sommerlichen Tagen.

Noch erstaunter war ich, ihn immer noch dort zu finden, als ich wegen bevorstehender Nachtfröste den Balkon abräumen wollte. Ich begrüßte ihn schon wie einen guten Freund, und da er keine Anstalten machte wegzufliegen, nahm ich ihn mit den Pflan-zen ins Haus, um ihn nicht draußen erfrieren zu lassen. Dann dachte ich nicht mehr an ihn, in der Gewissheit, ihn irgendwann tot aufzufinden.

Aber zu meiner Freude zeigte er mir in den nächsten Tagen durch heftiges Flattern am Fenster an, dass er noch am Leben war.

Nun war mein Interesse geweckt, und ich las in einem Schmetterlingsbuch, dass das Pfauenauge zu den Tagfaltern gehört, die in einem starren, schlafähnlichen Zustand im Haus überwintern können. Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen sie wieder, sie stärken sich am Nektar der Frühlingsblumen, gaukeln im Sommer von Blüte zu Blüte, bis sie sich einen Partner suchen um sich zu paaren. Das Weibchen legt seine Eier an die Blätter einer Brennessel, von der die ausgeschlüpften schwarzen, behaarten Räupchen sich ernähren. Sie müssen sich viermal häuten, bis sie sich zur Puppe in einen Chitinpanzer ein-spinnen, in welchem sie zum Schmetterling heran-reifen. Wenn dann endlich der farbenfrohe Falter , zur Welt gekommen ist, beginnt der Kreislauf von neuem.

Welch eine Metamorphose vollzieht sich an diesen geheimnisvollen Geschöpfen!

So ist es verständlich, dass sie von jeher eine mystische Bedeutung für die Menschen hatten. Schon für die alten Griechen waren sie das Symbol der Psyche und der Seele.

In China und Japan erzählt sich das Volk wunder-same Schmetterlingsgeschichten, in denen die Verstorbenen in Faltergestalt wiederkehren.

Und Buddha dankte in seiner letzten Predigt vor dem Tode den Schmetterlingen, dass sie ihn das Geheimnis der Verwandlung und das Gleichnis der Wiedergeburt zu einer höheren Lebensform gelehrt hatten. Für ihn stieg der von der irdischen Hülle befreite Schmetterling gleich der geklär-ten Seele des Menschen in die Lichtwelt auf um einzugehen in den ewigen Frühling.

Nachdem ich das alles erfahren hatte, bekam die Begegnung mit meinem Pfauenauge eine ganz neue Bedeutung für mich.

In der tiefen Trauer um meinen im Sommer ver-lorenen Sohn bewegten mich so oft Gedanken, ob ich ihn immer hatte spüren lassen, wie lieb ich ihn hab'. Aber ich war sicher, dass er mir irgend-wann ein Zeichen geben würde, das mir meine Zweifel nehmen könnte.

War nun dieser Schmetterling der Überbringer der Botschaft? War in seiner Gestalt die Seele des Verstorbenen heimgekehrt? Nur zu gern ließ ich meine wehmütige Stimmung in diesen trüben Winter-tagen durch dieses kleine vermeintliche Mysterium aufhellen. Alle Trauernden dieser Welt sind empfänglich dafür.

Von nun an war mein Schmetterling ein treuer Begleiter durch die kommenden Wochen.

Am Morgen suchte ich nach ihm und war froh, wenn er mir nach leisem Anhauchen durch sanftes Flügelschlagen anzeigte, dass er lebte. Dann

setzte ich ihn auf die Fensterbank, wo ich für ihn einige '! Wassertropfen versprüht hatte.

Weil ich gelesen hatte, dass sie das reife Fall-obst lieben, legte ich ihm bald ein Stückchen Apfel dazu, an dem er stundenlang mit seinem langen dünnen Saugrüssel den süßen Saft aufnahm. Als abends das Licht brannte, kam er, wohl die Sonne suchend, angeflogen. Er setzte sich auf meinen Schuh und dann sogar - was ich staunend verfolgte - an Karsten's Bild, wo er lange blieb. Ich hatte mich schon se sehr daran gewöhnt, dass er bei mir war und fühlte mich ganz stark mit meinem Sohn verbunden, wenn ich mit ihm sprach. Die Sorge, dass er mich eines Tages würde ver-lassen müssen, hatte ich völlig verdrängt.

In der 2. Adventswoche flog er eines Nachmittags auf meine Hand, krabbelte lebhaft hin und her und schlug' mit den Flügeln, so dass ich noch ein-mal ihre wunderschöne Zeichnung sehen konnte.

Dann setzte er sich an die Gardine und ließ sich von der Sonne bescheinen. Dort saß er auch noch am Abend, den Apfel hatte er heute ver-schmäht. Am nächsten Morgen fand ich ihn regungslos auf dem Teppich sitzend, kein Anhauchen ließ ihn erwachen, und mit großer Bestürzung glaubte ich, dass er nun tot sei. Weinend setzte ich ihn vorsichtig auf ein Blütenblatt des Weihnachtssterns, wo er mit eingezogenen Beinen aufrecht sitzen blieb. Aber seine langen feinen Fühler waren immer noch ausgestreckt, und plötz-lich wurde mir zu meiner Erleichterung klar, dass er nun in die Erstarrung des Winterschlafes gefallen sein musste. Er war nicht gestorben, er schlief ja nur, und ich konnte auf ein Wunder an einem fernen Frühlingstag hoffen, an dem er wieder erwachen und mich mit seinem Flügel-schlagen begrüßen würde.

Lieber Schmetterling, Du bist zu mir gekommen wie ein Bote aus einer anderen Welt, Du hast mir den Glauben geschenkt, dass kein Lebewesen für immer verloren sein kann.

Es gibt ein Weiterleben, - in neuer Gestalt und in einer anderen Welt, wohin wir Lebenden nicht folgen können.

Aber die Seele unserer Lieben bleibt für immer bei uns.

Ich danke Dir, mein lieber Schmetterling, Du schönes Pfauenauge.

Im Dezember 2002

Ursula Meiners

 


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