Wie Eltern Tot- und Fehlgeburten erleben

Auf dem alten Hermann-Friedhof in Augsburg kommt - etwas abseits gelegen - das Gegensätzlichste, was Menschen sich überhaupt vorstellen können, zusammen: Geburt und Tod. In einem besonderen Gräberfeld haben Eltern ihre toten Kinder beerdigt. Die meisten Babys sind noch im Mutterleib oder während der Entbindung gestorben.

 

Das Gräberfeld ist wie ein Labyrinth angelegt. Es gibt keine Grabreihen und keine rechteckig eingegrenzten Ruhestätten. Dennoch ist es alles andere als ein anonymer, unpersönlicher Ort. Viele Eltern haben die Stelle, wo ihr Kind liegt, durch eine kleinen Steinplatte mit Namen gekennzeichnet. Oder sie haben einen Rosenstock, manchmal auch ein Äpfelbäumchen gepflanzt.

 

Dieses besondere Fleckchen Friedhof existiert seit einigen Jahren. Das Beispiel hat Schule gemacht. Gräberfelder für früh verstorbene Kinder wurden seitdem auch auf anderen kommunalen Friedhöfen angelegt.

 

Früher war es eher selten, daß Babys, die tot auf die Welt kamen, bestattet wurden. Häufig bekamen die Mütter auf den Entbindungsstationen ihre toten Kinder nicht einmal zu Gesicht. Dr. Gerd Eldering ist Chefarzt im Vinzenz-Palotti-Hospital in Bergisch Gladbach-Bensberg bei Köln. Er erinnert sich Mit Schrecken an die herrschende Meinung in den siebziger Jahren, als er zum Facharzt für Geburtshilfe ausgebildet wurde. "Wir haben in unserer Ausbildung eigentlich nur die Geburt gelernt als organischen Vorgang und nicht als psychisches Erleben von Eltern," sagt er. "Das heißt, wir mußten dafür sorgen, medizinisch gesehen, daß so schnell der tote Fötus aus der Mutter herauskam wie nur eben möglich. Wir meinten, Mütter schonen zu müssen und zu können, dadurch, daß wir sie nicht zu sehr mit dem Tod konfrontierten. Wir haben deswegen Tücher gespannt, damit die arme Mutter nicht ihr totes Kind sehen mußte..."

 

Heute propagiert und praktiziert Eldering das Gegenteil dessen, was er früher einmal gelernt hat. Er beschreibt den Widerstand, den er damit bei den meisten Eltern auslöst: "Man glaubt uns zunächst einfach nicht, daß die Eltern sich das Kind ansehen sollten, daß sie es berühren sollten, daß sie anziehen sollten. Da werden wir schon manchmal für verrückt erklärt." In solchen Situationen, meint der Arzt, bleibe erstmal nichts anderes übrig, als auf das blinde Vertrauen der Frauen zu pochen und zu sagen: "Glauben Sie es mir, es ist so. Ich hab mich lange damit beschäftigt. Ich weiß es, daß es für Sie gut ist!"

 

Die Zahlen von totgeborenen Kindern sind korrekt nicht zu ermitteln. Schätzungen schwanken zwischen dreitausend und dreißigtausend im Jahr. Auch die Zahl fünfzigtausend war schon im Gespräch. In Zeitschriften, deren Redaktionen die Zielgruppe junge Eltern bedienen, wird das Thema "Totgeburt, Abschied und Trauer" nur am Rande erwähnt. Angehenden Müttern und Vätern soll nur das Positive vermittelt werden, ja, sie scheinen zu Hoffnung und Vorfreude geradezu verpflichtet zu sein. Unterschwellig entsteht der Eindruck, als würden Zweifel, Ängste oder gar gelegentliche Ablehnung des Kindes der Entwicklung des Babys schaden.

 

Fast immer haben junge Mütter heute Schuldgefühle, wenn sie ihr Kind während der Schwangerschaft verlieren. Häufig sind die Selbstvorwürfe so stark, daß sie die heilenden Gefühle der Trauer erst gar nicht aufgekommen lassen.

 

Die Mütter dieser Mütter sind ihren Töchtern selten eine Hilfe, denn sie haben erst recht nicht gelernt, daß ihnen Trauer zusteht. Die 62jährige Marianne H. gehört zu den Frauen, die, wie Eldering sich ausdrückte, geschont werden sollten und auf diese Weise um ihren Abschied und um die Trauer betrogen wurden. Die Wunde, die sie als junge Frau davontrug, hat sich bis heute nicht geschlossen. Vier Jahre lang hatten sie und ihr Mann sehnlicht auf ein Kind gewartet. Das Baby starb bei der Geburt. Die damals 27jähige Mutter hat es nie zu Gesicht bekommen. Das Schmerzlichste ist für sie das Erinnerungsloch, dort, wo andere Mütter ein Geburtserlebnis haben. Sie weiß nur noch, daß sie im Kreißsaal mit Chloroform betäubt wurde. Irgendwann erwachte sie in einem Krankenzimmer aus der Narkose, ohne Baby im Bauch, mutterseelenallein. Auch später blieb die traumatisierte Frau sich selbst überlassen. Begründet wurde es damit, daß sie nun unter allen Umständen Ruhe brauche. Weder der Arzt, noch die Angehörigen sahen einen Anlaß, sie zu trösten - nicht die Mutter, nicht der Vater, noch der Ehemann.

 

Vom Arzt hatte sie die lapidare Erklärung gehört, leider habe man das Baby, da es schon zu groß gewesen sei, im Mutterleib zerstückeln müssen.

 

Zwar brachte Marianne H. zwei Jahre nach der Totgeburt ein gesundes Mädchen zur Welt, aber heute noch, inzwischen über sechzig Jahre alt, quält sie der Verlust ihres ersten Kindes. So sei das eben damals gewesen, erzählt sie mit Tränen in den Augen: Eine lange erwartungsvolle Schwangerschaft, und danach nichts. Kein Trost, kein Foto, kein Grab. Keine Erinnerungen. Ihre Strategie war damals, ihren Kummer zu überspielen. Es geschah bis zur Selbstverleugnung, wie sie heute weiß. Als ein zu Tapferkeit erzogenes Kriegskind hatte sie früh gelernt, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten. "Das Jammern", wie es ihre Eltern nannten, wurde ihr schon früh ausgetrieben. Eines der Erziehungsprogramme hieß: Über die Stoppelfelder laufen, barfuß.

 

Bloß nicht weinen, hatte sie gelernt. Bloß keine Schmerzen zeigen, auch nicht nach dem Verlust eines Kindes. Die Folge war, daß niemand wußte, auch ihr Mann nicht, wie es in ihr aussah. Bei ihm, sagt sie, habe sie keinerlei Trauer wahrgenommen. Grundsätzlich wurde in der Beziehung wenig über Gefühle gesprochen - wie es eben dem Zeitgeist entsprach. Die Ehe zerbrach. Marianne H. ging wieder ins Büro und zog ihre Tochter groß. Später wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit und wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Aber einen Lebenspartner fand sie nicht mehr. Ihren Freundinnen fiel immer wieder auf, in welchem Ausmaß sie ihre gelegentlichen Freunde bemutterte. Auch sprach sie häufig davon, ein Kind zu adoptieren. Und heute, im Großmutteralter, gibt sie ihren Wunsch weiter an die 30jährige Tochter. Ihr hat Marianne H. kürzlich versucht nahezulegen:

 

"Wäre es nicht eine gute Idee, wenn du ein Kind annehmen würdest?"

 

"Aber Mama, ich hab doch keinen Mann!"

 

"Macht nichts, ich helfe dir dabei.!

 

Die Geschichte dieser Mutter bestätigt die Erkenntnis, wonach für die Eltern nichts schlimmer ist als kein Abschied. Die Bedürfnisse der Psyche sind nicht kompliziert: Ohne Abschied gibt es keine Trauer. Ohne Trauer kein Neubeginn. Für den Arzt Gerd Eldering gibt es keine einleuchtende Erklärung dafür, warum diese schlichten Regeln im Fall von Totgeburten so lange und vor allem so folgenschwer übersehen wurden. Die Kinder wurden nicht beerdigt - "entsorgt" ist die Fachvokabel. Sie wurden, wie auch Gliedmaßen, die amputiert werden mußten, verbrannt. Es waren die Not seiner Patientinnen und die Erfahrungen der Hebammen, die bei Eldering ein Umdenken von 180 Grad bewirkten.

 

"Ich bekam einen für mich sehr entscheidenden Brief von einer ehemaligen Patientin", erzählt der Arzt für Geburtsmedizin. Sie hatte ein totes Kind und war danach wie wieder schwanger geworden. "In dem Brief schrieb sie, sie hätte in einer Psychotherapie herausgefunden, sie sei im Grunde immer noch schwanger, da sie nie entbunden hätte. Deswegen könne sie nicht noch einmal schwanger werden."

 

Eldering zog daraus den Schluß, der bis heute seine Arbeit bestimmt: "Frauen, die schwanger sind, sie müssen entbinden, sie müssen ihr Kind bewußt bekommen."

 

Eine seine Patientinnen, Anja S. erzählt, wie hart das war, mitzuerleben, wie sie ihr toten Kind auf die Welt brachte. Aber sie macht deutlich, wie heilsam es für sie war.

 

Anja und Nick sind seit vier Jahren verheiratet. Es war ein Tag im Sommer, als sie erfuhren, daß ihr Sohn tot auf die Welt kommen würde. Tommy war ein Wunschkind gewesen. Anja hatte erlebt, was man eine Traumschwangerschaft nennt. Alles war bestens auf Tommys Ankunft vorbereitet. Das Ehepaar hatte eine Wohnung in der Nähe von Anjas Arbeitsstelle gefunden. Die beiden Dreißigjährigen - sie Krankenschwester, er Pädagoge -

 

wollten sich völlig gleichberechtigt um ihr Kind kümmern und hatten deshalb mit ihren Chefs Teilzeitarbeitsverhältnisse ausgehandelt.

 

"Wir haben uns wahnsinnig gefreut," sagt Anja, "mit so einen dritten coolen Person hier irgendwie, die mit hier rumläuft, Terror macht, Witze macht, oder was auch immer macht. Und wir hatten auch schon Spaß, wir haben schon mit ihm rumgespielt, aber das machen natürlich alle Eltern. Als ich schwanger war, da hat er immer die Füßen raus, und dann haben wir sie wieder reingedrückt und er sie wieder rausgedrückt..."

 

Als sich die Wehen ankündigten, war das Ehepaar immer noch in Hochstimmung. Vater Nick erinnert sich, daß sie im Auto, als sie zum Hospital fuhren, ihre Lieblingslieder hörten und ein dicker Mond hinter den Wolken hervorkam.

 

Zwei Stunden später sagte der Arzt zu der hochschwangeren Frau: "Es gibt keine Herztöne mehr. Ihr Kind ist leider tot."

 

Anja rief verzweifelt: "Dann machen Sie einen Kaiserschnitt. Holen Sie das Kind da raus. Ich will damit nichts mehr zu tun haben!"

 

Der Fluchtgedanke bei größter Gefahr. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen. Es ist dieser erste Impuls, dem auch der Arzt Gerd Eldering früher einmal gehorchte, indem er dafür sorgte, daß seine Patientinnen ihre toten Kinder nicht mehr zu Gesicht bekamen.

 

Anja wußte nicht, daß Frauen ihre toten Kinder gebären müssen. Sie wußte nicht, daß der Kaiserschnitt ein viel größeres gesundheitliches Risiko enthält als eine Entbindung.

 

Dies sind Fakten, die innerhalb der Bevölkerung recht unbekannt sind, weil wenig über die Umstände von Totgeburt oder Fehlgeburt gesprochen wird. Die meisten Menschen wissen nicht, daß auch bei einem relativ frühen Schwangerschaftsabbruch, noch vor der zwanzigsten Woche, die Frauen ihr totes Kind auf die Welt bringen.

 

Für Anja und Nick bedeutete es, daß sie noch fünfzehn Stunden auf die Geburt warten mußten. Es war die Zeit, als sie auf dem Krankenhausbett lagen und weinten. Anja hatte eine örtliche Betäubung erhalten. Sie spürte ihre Wehen nicht, hatte später auch keine Geburtsschmerzen.

 

Und dann hielt sie Tommy im Arm. Kein Schrecken. Kein unerträglicher Schmerz. Im Gegenteil: das Hinschauen tat den Eltern gut. Das tote Baby sah ganz friedlich aus, ein hübsches Kind.

 

"Wir fanden Tommy wunderschön und haben geguckt, wo er uns ähnlich sah," erzählen Mutter und Vater. "Wir haben ihn gebadet und wir haben ihn getauft." Außerdem wurden Fotos und Fußabdrücke gemacht. Später sind noch die Großeltern ins Krankenhaus gekommen und haben sich von Tommy verabschiedet.

 

Über Bekannte erfuhren Anja und Nick von einem Bestatter, der sich auf Kinderbeerdigungen spezialisiert hatte. Der riet den Eltern dazu, den Sarg nicht zu kaufen, sondern ihn selbst zu bauen. So entstand der Plan, für das Baby ein kleines Haus zu basteln.

 

Die jungen Eltern griffen den Vorschlag auf. Sie gingen zusammen in den Baumarkt. Danach waren sie tagelang damit beschäftigt, für Tommy ein Haus zu bauen. Anja und Nick erlebten einen intensiven und ungewöhnlichen Abschied. Obwohl sie beide Christen sind, ließen sie sich in den Tagen vor der Beerdigung in ein indianisches Ritual einbinden. Anjas Hebamme kannte sich damit aus. Sie sagte den Eltern, daß der Rauch bestimmter Pflanzen geeignet sei, bei Trennung Segen zu spenden. So wurde zunächst das Holz gesegnet, später das Häuschen, das die Eltern anstelle eines Kindersargs gebaut hatten. Es sei einfach schön gewesen, erzählen die Eltern, weil damit jeder Schritt wichtig gewesen sei. Segen kann man eigentlich gar nicht genug kriegen, stellen Anja und Nick rückblickend fest. Segen bedeutet Kraft, und die braucht man besonders dann, wenn man sein Liebstes verloren hat.

 

Am Anfang hatten sich die Eltern Rückenstärkung von einem Priester erhofft, aber dessen Besuch hatte nichts als Beklommenheit gebracht.

 

"Also, der war ganz hilflos", erinnert sich Nick. "Wir hatten das Gefühl, wir müssen ihm helfen. Also, das ging nicht, wir waren ja selber völlig am Ende. Und ich hab ihn dann mehrfach versucht zu fragen, wie stellen Sie sich denn die Beerdigung vor, und das wußte er nicht so richtig. Also man merkte, der war überfordert." Er habe ihr auch leid getan, fügt Anja hinzu. Sie wolle ihm auch gar keinen Vorwurf machen. "Aber Nachher, als er weg war, haben wir gesagt: Also mit ihm besser nicht. Wenn wir am Grab auch noch auf den Priester Rücksicht nehmen müssen..."

 

Das Begräbnis fand ohne einen Pfarrer statt. Der Bestatter sprach am Grab, sehr stimmig, sehr bewegend. Er konnte sich dabei auf Briefe stützen, die Mutter und Großmutter an Tommy geschrieben hatten. Das tote Baby war in ein liebevoll verziertes kleines Haus gebettet worden.

 

Der Sohn von Anja und Nick war durch eine Verkettung verschiedener unglücklicher Umstände gestorben. Daß die Eltern keinerlei Schuld daran hatten, war zunächst nur ein vordergründiger Trost. Darunter lag ihr Gefühl von quälender Ohnmacht, denn sie hatten keinen Einfluß auf das Geschehen.

 

Aber die Eltern sehen auch: Durch die Verknüpfung günstiger Umstände sind sie in ihrer seelischen Not und bei ihrem Abschied von erfahrenen Menschen begleitet worden. Zwei Jahre später wurde ihre Tochter Pauline geborgen, ein gesundes Mädchen.

 

Daß sie zu den Getrösteten gehören, die ihr Unglück verkraftet und zu einem guten Leben zurückgefunden haben, das wissen Anja und Nick aus ihren Besuchen in ihrer Selbsthilfegruppe. Dort treffen sie auf Eltern, die in ihrem Trauma steckengeblieben sind, und die, anstatt Trauer zu empfinden, depressiv geworden sind. Gründe gibt es viele:

 

Weil ein Abschied versäumt wurde oder völlig mißlungen war. Weil die Unterstützung der Großeltern ausgeblieben war und die Familie einen tiefen Riß bekommen hatte. Weil das Kind totgeschwiegen wird und die Umwelt normales Verhalten erwartet.

 

Je früher die Schwangerschaft endete, umso weniger wird angenommen, daß Eltern trauern. Mütter, die sich aus medizinischen oder sozialen Gründen zu einem Schwangerschaftsabbruch entschlossen haben, werden erst recht nicht als Trauernde anerkannt. In erster Linie werden sie als Menschen gesehen, die sich von einer Last befreit haben. Sehr ausführlich beschreibt Hannah Lothrop in ihrem Buch "Gute Hoffnung - Jähes Ende", wie es in trauernden Eltern aussieht, auch dann, wenn sie sich auf Grund einer schweren Behinderung des Kindes zu einem Abbruch entschieden haben:

 

Als es uns traf, als Trisomie 21 für uns Realität wurde, hatte ich erwartet, daß ich "wirklich traurig" sein würde. Ich war nicht im geringsten darauf gefaßt, daß ich mich total am Boden zerstört fühlen würde.

 

Ein paar Seiten weiter beschreibt Hannah Lothrop eine aufschlußreiche Begegnung mit ihrem Arzt.

 

"Bist du etwa traurig?" meinte mein Frauenarzt mit erstaunten Augen, als ich zwei Wochen nach dem Verlust mit Tränenspuren zur Nachuntersuchung kam. Auf dem Weg zur Praxis war die Erinnerung daran hochgekommen, wie sehr ich mich bei unserem letzten Besuch zusammen mit meinem Mann auf unser Baby gefreut hatte und wie wir es zum ersten Mal auf Ultraschall gesehen hatten. Die Tränen taten gut. Mein Arzt fühlte sich jedoch davon überfordert und hat bis heute nicht verstanden, daß ich gar nichts von ihm wollte, außer nicht fröhlich wirken zu müssen, wenn es mir zum Weinen war.

 

Die Selbsthilfegruppen wie auch der Arzt Eldering machen, wenn es um Trauer geht, keinen Unterschied zwischen einer Totgeburt und einer Fehlgeburt. Es gibt nur tote Kinder, und zwar völlig unabhängig davon, wieviel Gramm ein Baby gewogen hat. Gewicht habe einzig und allein die Bindung, die zwischen Eltern und Kind entstanden sei, sagt der Geburtsmediziner. Das unterscheidet ihn sehr von anderen Ärzten. Der medizinische Begriff für Fehlgeburt spricht da eine deutliche Sprache: "Abort". Eldering: "Ein Abort ist für mich ein Klo im Zug. - Es ist tragisch, wenn wir als Ärzte für das spätere Leben entscheidende Sachen vergessen, einfach nicht beachten und es damit zu weiteren Verlusten kommt."

 

Erst stirbt ein Kind, danach stirb in vielen Fällen die Liebe zwischen zwei Menschen. Wenn Paare ein Kind verlieren, sind sie in der Regel noch jung, und es ist ihre erste Begegnung mit dem Tod. Ohne jeden Beistand ist es für die schwer, die Krise zu überwinden, schon gar nicht dann, wenn die Menschen ihrer unmittelbare Umgebung der Meinung sind, Trauer sei überflüssig, schließlich habe "das Kind ja überhaupt noch nicht gelebt".

 

Wenn man Peter Js. Geschichte kennt, die zwölf Jahre zurück liegt, fällt es schwer zu glauben, daß sich Männer weniger auf ihr Kind freuen als Frauen. "Ich hatte mal einen wunderschönen Traum,". erinnert er sich. Da habe ich das Kind gekriegt. Ich fand das so herrlich. Ich bin aufgewacht, und war sowas von enttäuscht".

 

Peters kleine Tochter starb nach fünfundzwanzig Tagen. Er trauerte anders als seine damalige Frau. Es den Eltern nicht möglich, sich aneinander festzuhalten. Die Ehe hielt den Belastungen nicht stand.

 

Daß seine Tochter kaum Chancen hatte, zu überleben, wurde dem Vater unmittelbar nach der Geburt mitgeteilt. Das Neugeborene kam sofort ins Kinderkrankenhaus. Es geschah ohne Wissen der Mutter, deren Gesundheitszustand nach einem Kaiserschnitt ausgesprochen kritisch war. Nach dem Motto "Wir Männer unter uns" nahm der Arzt den Vater beiseite, gab ihm einen Klaps auf die Schulter und forderte ihn auf: "Sie müssen ihrer Frau die Wahrheit sagen. Bringen Sie es ihr aber schonend bei".

 

Was sich der Arzt wohl dabei gedacht haben mag, das fragt sich Peter J. noch heute. Er sei damals am Ende seiner Kraft gewesen, so voller Sorge um seine Frau und sein Kind. Und dann noch dieser schreckliche Auftrag, ohne jede Unterstützung eines Arztes...

 

Das Gefühl der Hilflosigkeit und des Nicht-Wahrgenommen-Werdens setzte sich fort, als das Baby gestorben war. Er verschickte keine Traueranzeigen, weil der Bestatter meinte, das sei nicht üblich bei einem Kind, das eigentlich noch gar nicht richtig gelebt habe. Heute bedauert er, daß er sich den Konventionen anpaßte, daß er nicht rebellierte, auch beim Begräbnis nicht. Da sollte der Kindersarg von einem Friedhofsarbeiter mit Hilfe einer Maschine ins Grab gesenkt werden. Peter J. wird das folgenden sie vergessen: "Das Gerät hatte eine Zange, und damit hat er versucht, diesen kleinen Sarg zu packen und in dieses vorbereitete Loch abzulassen, und der traf nie die Mitte, der Sarg schaukelte jedesmal weg. Und ich hab die ganze Zeit gedacht: Du mußt den Sarg jetzt nehmen und dareinpassen. Ich hab mich aber nicht getraut."

 

Er hat nicht den Sarg an sich genommen und mit eigenen Händen in die Erde gelegt. Er war wie gelähmt. Sein Zustand änderte sich erst, als er nach Hause kam und das leere Kinderzimmer betrat. Er selbst hatte den Raum mit Holz ausgetäfelt, er selbst hatte die Wickelkommode gebaut. Dieser Raum war für seine kleine Tochter bestimmt gewesen. Und nicht für ein Kind, das vielleicht später einmal geboren würde. Peter J. spürte, daß ein anderes Kind nie ein Ersatz sein könnte für das Baby, das er und seine Frau gerade beerdigt hatten. Der Vater griff zum Hammer und zerschlug die Wickelkommode. Die Ehefrau begriff seine Zerstörungswut nicht, sie verstand nicht, was in ihrem Mann vorging. Zwischen den beiden entstand ein Graben, der sich in den folgenden Jahren weiter vertiefte, bis sie sich schließlich trennten.

 

Wir haben hier Menschen zu Wort kommen lassen, die wissen, daß sich das Thema Totgeburt nur sehr, sehr langsam in der Bevölkerung herumspricht. Selbst solche Medien, die sonst keine Gelegenheit auslassen, menschliches Drama und heftige Gefühle zu präsentieren, halten auf Abstand. Auch die katholische Kirche, von der man weiß, daß sie sich ihre Aufklärungskampagnen zum Schutz des ungeborenen Lebens viel kosten läßt, hängt das Thema Totgeburt nicht an die große Glocke. Dabei hat sie durchaus etwas getan, um Mißstände zu beseitigen. Häufig kam der Anstoß dazu aus den Selbsthilfegruppen. Tatsächlich haben die beiden großen Kirchen in den letzten Jahren dazugelernt und mitgeholfen, daß rigide Bestimmungen gelockert wurden, auch in den eigenen Reihen. In den achtziger Jahren gab es noch Pfarrer, die sich weigerten, ein Totgeborenes zu beerdigen, weil es nicht getauft und damit, so hieß es, eigentlich noch gar kein Mensch war.

 

Inzwischen sind auch die Bestattungsgesetze den Bedürfnissen nach Abschied und Trauer weiter angepaßt worden, auch wenn es nach Ansicht der Selbsthilfegruppen da noch viel zu verbessern gibt. Grundsätzlich gilt, daß die Zeit günstig ist, um Veränderungen anzustoßen, um der Trauer mehr Raum zu geben. Immer häufiger werden kostengünstige Gräberfelder für die Bestattung totgeborener Kinder angelegt.

 

PS: Gelegentlich besuchen auch ältere Frauen die Kindergräber auf dem Augsburger Friedhof. Wer mit ihnen ins Gespräch kommt, erfährt: Endlich hätten auch sie einen symbolischen Ort für ihre Trauer gefunden. Es sind Frauen, die vor dreißig, vierzig oder fünfzig Jahren ein Kind verloren haben.

E N D E

von Sabine Bode und Fritz Roth


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