Ostsee-Zeitung vom 19.11.2003

Gedenkfeier für verstorbene Kinder auf dem Westfriedhof

Viel zu früh gegangen

"Trauer kann man nicht überwinden wie einen Feind. Trauer kann nun nur verwandeln: den Schmerz in Hoffnung, die Hoffnung in tieferes Leben."

Diesen Satz hat keine berühmte Persönlichkeit gesagt. Sondern eine Mutter in Hamburg, die ihr Kind verloren hatte: Sascha Wagner. Als dort vor Jahren eine Bestattungswiese eingerichet wurde, sammelte man Äußerungen von betroffenen Frauen. Der Stein, auf dem dieser Satz eingemeißelt wurde - ohne den Namen der Verfasserin - steht auf dem Rostocker Westfriedhof. Seit zwei Jahren werden hier tot geborene Kinder bestattet, die nach den geltenden Gesetzen eigentlich nicht bestattet werden müssten. Weil sie unter 1000 Gramm wogen. Erst über diesem Gewicht setzt die gesetzliche Bestattungspflicht ein.

Die Rostocker Krankenhaus-Seelsorgerin Hilke Schicketanz hat sich oft mit dieser furchtbaren Zahl auseinandergesetzt: "Die Juristen und die Bürokraten brauchen so eine Zahl. Die betroffenen Mütter und Väter brauchen etwas anderes." Umso mehr freut es sie, dass die Initiative für diese Bestattungswiese von den Krankenhaus-Hebammen und ihren Amtsvorgängerin Christel Schnell ausging, die bis dahin immer wieder mit unwürdigen Situation konfrontiert waren.

Der Vertrag, der zwischen des Stadt, der Universitäts-Frauenklinik und später auch der Südstadt-Klinik geschlossen wurde, läuft vierzig Jahre und sieht vor, da die totgeborenen Kinder Rostocks hier bestattet werden: in einem schlichten Fichtensarg, anonym, kostenlos.

Frische Blumen, Kerzen und kleine Andenken zeugen davon, dass der Platz oft besucht wird. "Tote Kinder kommen viel häufiger zur Welt, als man annimmt," berichtet Hilke Schicketanz. "In dieser Situation Entscheidungen über die Bestattung der Kinder zu fällen, ist für die Eltern sehr schwierig: Die Vorschriften schaffen Zeitdruck, die Frauen sind oft körperlich geschwächt. Es gibt in den ersten Tagen nach der Tot- oder Fehlgeburt keine Zeit der Besinnung. Es gibt nur den Schock."

Deshalb sei es wichtig, später einen Platz zu haben, an dem man trauern kann. Oft beginne man erst nach Wochen zu begreifen, was geschehen ist. Man müsse lernen, mit diesem Schmerz zu leben und sich ihm zu stellen: Die Erinnerung an ein verlorenes Kind verschwindet nicht. "Zu unserer Gedenkfeier im  vergangenen Dezember kam eine Frau, die vor aber dreißig Jahren ein Kind verloren hatte," erzählte Hilke Schicketanz. "Sie war froh, endlich nach all den Jahren etwas tun zu können, dass sie an diesen Schmerz erinnert. Tröstlich ist es auch, sein eigenes kleines Kind inmitten anderer Kinder bestattet zu wissen. Ich kommt auch gern mit den Eltern hierher zur Wiese, wenn sie eine eigene Trauerfeier wünschen."

Ihre Erfahrungen mit der Trauer um verstorbene Kinder sind sehr unterschiedlich. Oft reagieren Verwandte und Freunde hilflos, helfen sich mit Floskeln wie "Das wird schon wieder... Ihr könnt es ja noch mal versuchen..." über die peinlichen Minuten erdrückender Stille.

"Rezepte gibt es nicht," sagt Hilke Schicketanz. "Jede Trauer ist individuell, Pietät hilft nicht weiter. Die meisten Leute haben heute ihr Leben im Griff, aber in solchen Situationen muss man sich seine Ohnmacht eingestehen. Der Tod wird heute gut versteckt, aber er ist immer um uns. Er kommt manchmal sehr plötzlich und auch zu Kindern."

Aber vielleicht hat die Seelsorgerin einen Rat? Sie denkt einen Augenblick nach. "Achtung vor dieser Trauer ist wichtig. Das braucht Geduld, Trauer ist ein langsamer Wandlungsprozess. Es ist ein Märchen, dass nach einem Trauerjahr alles wieder 'eingerenkt' ist. Praktische Hilfe ist wichtig: Einkaufen, Behördengänge, Saubermachen. Im Zweifelsfall ist die Frage "Was brauchst du jetzt?" richtig: Es gibt eigentlich keine tröstenden Worte in so einer Situation.

Dann lächelt Hilke Schicketanz: "Akzeptieren müssen die Freunde und die Verwandten aber auch, dass die betroffenen Eltern in ihrer Trauer manchmal Grund  zur Freude haben. Dass sie nach ein wenig Ablenkung suchen und sie vielleicht auch finden. Dann sollte man nicht aus falscher Pietät ihrer Rückkehr ins Leben im Wege stehen."

Am Montag, dem 8. Dezember um 11.00 Uhr findet auf dem Westfriedhof (Treffpunkt ist am Tor) die Gedenkfeier für früh verstorbene Kinder statt. Freunde und Angehörige, Geschwister, Großeltern und Eltern - alle, die um den Tod eines kleinen Kindes trauern sind ebenso herzlich eingeladen wie Menschen, die von Berufs wegen mit dem Schicksal verwaister Eltern konfrontiert sind un denen im Dienst selten Zeit für Besinnung bleibt.

 

Ostsee-Zeitung vom 19.11.2003

 

Abauf der Trauerfeier am 10.12.2001

Gedenkfeier an dem neuen Begräbnisplatz der zu früh- oder "fehlgeborene" Kinder auf dem Rostocker Westfriedhof

Am Montag, 10.12.2001 (anläßlich des internationalen Gedenktage für verstorbene Kinder)

"Trauer kann man nicht überwinden wie einen Fein

Trauer kann man nur verwandeln den Schmerz der Hoffnung, die Hoffnung in tieferes Leben."  (Sascha Wagner)

 

----dem totgeborenen Leben--

(Inschrift auf dem Gedenkstein am Begräbnisplatz auf dem Rostocker Westfreidhof

 

Ablauf der Gedenkfeier

Eingeladen waren durch die Universitäts-Frauenklinik Rostock die Eltern der Kinder im Jahr 2001 in der Uniklinik tot geboren und auf diesem Platz bestattet worden sind. Vertreter des Rostocker Friedhofsamtes, die ehemalige Krankenhausseelsorgerin, Vertreterinnen von Selbsthilfegruppen, betroffen Mütter.

     

  • Begrüßung und Einleitung 
    Durch die Stationsärztin der Entbindungsstation der Rostocker Universitätsklinik Frau Dr. Ohde
  • Worte zu "Entstehungsgeschichte" des Rostocker Begräbnisplatzes  Durch Frau Christel Schnell/Rostock, ehem. Krankenhausseelsorgerin
  • Kerzen anzünden am Begräbnisplatz
  • Stille
  • Persönlicher Berciht/Gedanken zum Spruch auf dem Gedenkstein  (Gudrun Schiedeberg/Hohen Mistrof, bettoffene Mutter)
  • Gelegenheit für weitere persönliche Worte
  • Blumen wurden abgelegt
  • Segensworte (Dr. Ohde, Ch. Schnell, G. Schmiedeberg)
  • Jeder Teilnehmer bekam eine Kerze mit einem Engel auf den Weg
  • Segenswort für die "Einweihung" (aus: Ich trage dich in meinem Herzen. Der Gedenkplatz für nicht beerdigte Kinder in Ohlsdorf (hrsg. Von Susanne Schniering), Pinnow 2001):
    Dr. A. Ohde. G. Schmiedeberg

Segenswunsch ganz am Schluß beim Austeilen der Kerzen:

Ich wünsche dir nicht ein Leben ohne Entbehrung ein Leben ohne Schmerz, ein Leben ohne Störung. Was solltest Du tun mit einem solchen Leben? Daß du unberührt bleiben mögest von Trauer, unberührt vom Schicksal anderer Menschen, das wünsche ich dir nicht. Trauer, Entbehrung und Schmerz - sie gehören zu unserem Leben. Aber ich wünsche dir; daß deine Trauer dich nicht zurstört, daß dein Schmerz nicht dein Leben auffrißt. Ich wünsche dir, daß du erfahren kannst, daß der Trauer eine heilende Kraft innewohnt und daß mit ihr ein tieferes Leben und auch Freude möglich ist. Auf diesem Weg leuchte dir das Licht!

 

Persönliche Worte einer betroffenen Mutter

 

Ich bin heute hier als betroffene Mutter. Vor 5 Jahren war ich mit meiner ersten Schwangerschaft mehr als 12 Wochen Patientin auf der Station III der Universitätsklinik-Frauenklinik in Rostock. Damals war ich mit Zwillingen schwanger. In der 21 Schwangerschaftswoche war eines meiner Zwillingskinder im Mutterleib gestorben und ich war mit einem toten und einem lebenden Kind im Bauch in die Klinik gekommen. Einerseits bangte und hoffte ich um das lebendige Kind, andererseits trauerte ich um das verstorbene. Die Trauer erlaubte ich mir aber nicht so richtig. Es war in der Klinik "unter ständiger Überwachung" auch schwer möglich. Schließlich konzentrierten sich alle auf das überlebende Kind. Wenn ich meiner Trauer um das Verstorbene Raum gab, bekam ich oft gleich ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Überlebenden. Das wurde unterstützt durch die Art und Weise, wie mir die meisten Menschen, auch nahestehende, begegneten: "Du darfst doch jetzt nicht trauern!" " Eine Schwangere darf sich nicht gehen lassen!" "Du brauchst Deine Kraft für das Überlebende. Und für Dich!" Und erst recht nach der Geburt beider Kinder - einem Kaiserschnitt in der 33. Schwangerschaftswoche - ging das so weiter. Natürlich war ich froh und dankbar, daß mein lebendiges Kind da war. Trotzdem machte ich mir weiterhin Sorgen. Ich hatte große Angst, es doch noch zu verlieren. Und ich war traurig über das verstorbene Kind, das mehr als 10 Wochen tot in meinem Bauch gewesen war. Ich habe mich während der Schwangerschaft ganz bewußt von ihm verabschiedet ohne es je gesehen oder beerdigt zu haben. Ich hatte mich auch damals ganz bewußt nicht für eine Beerdigung entschieden. Ich hatte nicht die Kraft dazu. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich mich doch über das überlebende Kind freuen sollte. Ich freute mich ja auch ... aber mit der Trauer hatte ich auch lange zu tun. Ich bin mir auch darüber bewußt, daß sich meine Situation schwer mit der von anderen Eltern vergleichen läßt. Wie unsagbar schwer muß es sein, ganz ohne Kind die Entbindungsstation zu verlassen. Ich hatte ja eine lebendiges, geliebtes Kind Abe ich habe auch die Trauer kenngelernt Und ich habe auch das erfahren, was die meisten trauernden erleben: nämlich, daß Außenstehende (und noch schlimmer: auch nahestehende Menschen) mir mit Unverständnis und Ungeduld begegneten: "Na, nun muß sie das doch langsam malüberwunden haben!" "Trauert sie denn immer noch?" "Ist das normal?" Ja: Denn "Trauer kann man nicht überwinden wie einen Feind!" Mein Gretchen, das überlebende Zwillingskind ist in diesem Jahr am Totensonntage 5 Jahre alt geworden. Inzwischen haben wir noch eine dreijährige Tochter: Marie-Anne. Unserer ältesten Tochter habe ich schon recht bald von ihrem verstorbenen Zwilling erzählt. Sie hat es beim ersten Mal ganz natürlich aufgenommen. Inzwischen haben wir ihrer Zwillingsschwester auch einen Namen gegeben. Und neulich fragte mit Gretchen einmal:" Mama, warum habt ihr Lena nicht gleich einen Namen gegeben? Und wo ist sie beerdigt.? Wo steht der Name "Lena"geschrieben?" In diesem Moment kam mein Mann ins Zimmer: "Von wem redet Ihr?" Und Gretchen antwortete: "Na, von Lena! Kennst du die denn nicht? Die war doch mit mir in Mamas Bauch. Die ist doch auch dein Kind!" Und daran ist mir ganz deutlich geworden: Ich brauche wegen der Trauer kein schlechtes Gewissen gegenüber dem Leben zu haben. Nein, keine Angst: Wenn die Trauer ihren Platz hat, dann geht das Leben nicht aputt! Meine Tochter hat es mir ganz deutlich gemacht: gerade um des Lebens willen ist es wichtig, daß ich der Trauer Platz gebe. Kann sein, daß mich das Leben eines Tages nach dem Tod fragt. Und was will ich dann antworten? Wenn meine Trauer ihren Platz hat - dann kann ich sie verwandeln. Da, wo nur noch Schmerz war, kann Hoffnung aufleuchten und das Leben mit einem ganz anderen Horizont sich ausbreiten: tieferes Leben. Hier auf dem Rostocker Westfriedhof ist der Trauer um die Allerkleinsten ein öffentlicher Platz eingeräumt worden. Und ich möchte allen danken, die sich für diese Begräbnisstätte eingesetzt haben. Ihnen, Frau Schnell als ehemalige Krankenhausseelsorgerin, Ihnen Frau Dr. Ohde, als Stationsärztin und auch Prof. Dr. Friese, dem Chefarzt und allen Ärzten und Hebammen, die dieses Anliegen unterstützt und dafür den Weg bereitet haben, auch den Mitarbeitern des Westfriedhofs und der Stadt Rostock. Sie, Frau Dr. Ohde sagten, ich brauche nicht zu danken und ich persönlich mit meinem vor 5 Jahren verstorbenen Kind hätte ja auch nichts mehr davon. Mein Kind ist längst weg und kann hier nicht mehr begraben werden. Aber für die Eltern, denen nun ihre Kinder zu früh tot geboren werden - gibt es nun endlich einen konkreten Ort. Und in Rostock werden am dem Jahr 2001 die Allerkleinsten nicht mehr an einem unbekannte Ort gebracht, sondern sie werden in der Mutterschoß der Erde gelegt. Und 2.) für mich persönlich ist diese Begräbnisstätte auch eine Ort des Gedenkens an totgeborene und nicht bestattete Kleinstkinder. In Gedanken kann ich auch mein Kind hier zur Ruhe tragen. Und auch für Gretchen kann das vielleicht der Ort von Lena werden. Ich weiß jetzt, wohin ich mit ihr gehen kann.

Zum Abschluß noch eine kleine Episode: Vor einigen Wochen war ich hier zum ersten Mal - stand vor diesem Stein mit einer Kerze und einer Rose in der Hand. Da kamen gleich zwei ältere Frauen dazu: "Was ist DAS hier eigentlich?" Nachdem ich erklärt hatte, erzählte eine der beiden auch gleich aus ihrem Leben: Auch sie hatte eine sehr kleines totes Kind geboren. Wo ist das Kind damals geblieben? - Mit dieser Frage war sie vielleicht doch noch nicht ganz fertig. ... nach vielen, vielen Jahren. - Und mir sind in meinem Leben viele solcher  Frauen begegnet.

Es ist gut, daß es diesen Begräbnisplatz heute gibt! Unsere totgeborenen Kinder gehören zu unserem Leben. Und damit auch zu unserer Gesellschaft. Die Öffentlichkeit beginnt langsam, das zu begreifen. Trotz allem kann uns niemand die schlimmen Erfahrungen abnehmen. Den Schmerz und de Trauer können wir manchmal ein bißchen teilen, doch letztlich müssen wir es allein tragen. Aber an diesem Ort wird unseren verstorbenen Kindern und auch unseren Erfahrungen und dem Schmerz öffentlich Respekt eingeräumt. Und damit wird ein Weg sichtbar, der Weg vom Schmerz zu tieferen Leben.  Daß uns neben dem Schmerz und der Verzweiflung um den Tod lebendig Erinnerungen und erfüllte Moment bewegen - das wünsche ich uns!

-daß wir unser eigenes Leben wiederfinden.

Gudrun Schmiedeberg 10.12.2001

 

 


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