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In der Auseinandersetzung mit dem Erleben von Kindern, die eine nahestehende Bezugsperson verloren haben, kommt es zu einer Begegnung unterschiedlichster Vorstellungen und Wertesysteme. Die oftmals einseitig von Erwachsenen definierten Problemperspektiven bergen dabei immer ein gewisses Risiko, dem Erleben von Kindern nicht gerecht zu werden: Problemdruck und leiden dort zu vermuten, wo sie in Wirklichkeit viel unbefangener als Erwachsene mit Tod und Sterben umgehen, aber auch Schwierigkeiten und Bewältigungsanforderungen zu unterschätzen, die in der Lebenswelt von Kindern weit höhere Bedeutung haben als in der von Erwachsenen.

 

Die Frage, ob Kinder anders trauern, stellt sich - nach langjährigen internationalen Forschungserfahrungen- in dieser Form eigentlich nicht mehr. Das Interesse richtet sich heute vielmehr auf das "Wie", auf die spezifischen Deutungen, Probleme , Reaktionsweisen und Ausdrucksformen, die das Trauern von Kindern kennzeichnen und die je nach Alter, sozialen Lebensumständen und Beziehung zur verstorbenen Person variieren.

 

1. Todesverständnis und Alter

 

Dem in den westlichen Industrieländern vorherrschenden Todesverständnis werden für gewöhnlich drei charakteristische Elemente zugeschrieben: Unumkehrbarkeit, Beendigung biologischer Funktionen und Universalität (alle lebenden Wesen müssen sterben!)

 

Kinder eignen sich diese Vorstellung erst allmählich im Verlauf ihrer Intellektuellen Entwicklung und Sozialisation an, ihr Todesverständnis und die damit verknüpften Empfindungen variieren je nach Altersstufe. Bei Kleinkindern im Alter bis zu 2 Jahren wird davon ausgegangen, dass sie das Sterben einer nahestehenden Bezugsperson nicht mit einer konkreten Todesvorstellung verbinden, sondern unmittelbar auf die Verlusterfahrung reagieren, z.B. mit einer grundlegenden emotionalen Irritation, Kinder im Vorschulalter verstehen den Tod oftmals als ein reversibles Ereignis oder als Übergang in eine andere Form der physiologischen Existenz. Bevor sie eine konkrete Erfahrung machen, verfügen sich häufig auch noch nicht über die Vorstellung, dass der Tod sie selbst oder ihre Bezugspersonen betreffen könnte. Zwischen sechs und zehn Jahren bildet sich ein weitgehendes Verständnis heraus, in dem auch die Gewissheit der Unumkehrbarkeit mehr und mehr an Bedeutung gewinnt. Kinder im Alter über zehn Jahren haben größtenteils bereits ein ausgeprägtes Verständnis von Sterblichkeit. Allerdings wird auch von ihnen oftmals verdrängt, dass nahestehende Bezugspersonen betroffen sein könnten.

 

Die hier umrissenen Unterscheidungen nach Altersstufen können natürlich nur als grober Orientierungsrahmen gelten, denn sie abstrahieren von individuellen Erfahrungen und Lebensumständen. Sie sind für das Verständnis des Erlebens von trauernden Kindern insofern von Bedeutung , als dieses Erleben stets im Wechselverhältnis zwischen dem kindlichen Todesverständnis und den ebenfalls altersabhängigen Möglichkeiten der Deutung von Erfahrungen und der Bewältigung emotionaler Belastungen gesehen werden muss. So gilt etwa das Alter von sechs bis zehn Jahren als eine besonders schwierige Lebensphase für die Trauerbewältigung, weil einem relativ differenzierten Verständnis von Tod und Sterben auf intellektueller Ebene wenig Fähigkeiten gegenüberstehen, mit den damit verbundenen Gedankenassoziationen und Gefühlen umzugehen.

 

Es ist deshalb wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass selbst sehr junge Kinder über ein konkretes Todesverständnis verfügen, auch wenn es nur eine kleine Schnittmenge mit Vorstellungen Erwachsener aufweist.

 

Lange Zeit war die Auffassung weit verbreitet, infolge einer noch wenig entwickelten Fähigkeit zu rationaler Reflexion könnte es Kinder überfordern und unnötig belasten, offen über Tod und Sterben oder über eine vorausgegangene Erkrankung zu sprechen. In gewisser Weise kann man jedoch sagen, dass das kindliche Denken, die kindliche Phantasie weit umfangreichere Deutungsmöglichkeiten eröffnet als das rationale Denken von Erwachsenen. Darin liegt zugleich eine Stärke und eine Schwäche: So können Phantasien helfen, Ängste zu überwinden, sie können Ängste aber auch zu etwas Übermächtigem, kaum Kontrollierbarem machen.

 

2. Reaktionen der sozialen Umwelt

 

Entscheiden dabei ist offenbar das Verhalten primärer Bezugspersonen. Mehrere Forschungsarbeiten haben nachgewiesen, dass Kinder eine oftmals unterschätzbare Sensibilität für Ereignisse im Zusammenhang mit Krankheit und Sterben besitzen, insbesondere für vermeidendes, beschwichtigendes, bagatellisierendes oder ausweichendes Verhalten erwachsene Bezugspersonen. Mitunter kommt es zu einer sich gegenseitig verstärkenden Dethematisierung unter den Hinterbliebenen, durch die es eher gefördert wird, dass Kinder Bilder und Gedanken entwickeln, die zum Teil grausame Phantasien beinhalten und Angst oder Schuldgefühle hervorrufen. Offenheit und Hilfe bei der Deutung von Tod und Sterben ist daher eine der wichtigsten Herausforderungen in der Unterstützung von Kindern bei der Trauerbewältigung.

 

Man kann davon ausgehen, dass zahlreiche belastende gedankliche und emotionale Assoziationen von Kindern aus dem Fehlen oder einer Fehldeutung von Beobachtungen und konkreten Erfahrungen resultieren. Dies lässt sich am besten in einer Situation nachvollziehen, in der dem Tod der Bezugsperson eine schwere Krankheit vorausgegangen ist. Hatte das Kind keine oder nur wenig Gelegenheit, den Krankheitsprozess mitzuerleben oder im Gespräch zu thematisieren, erfährt es ggf. in erste Linie eine von Trauer, Sorgen und Leiden geprägte Umwelt, kann jedoch keine konkreten Vorstellungen über deren Ursache entwickeln. Krankheit, Tod und Sterben bleiben damit kaum fassbare, aber einschneidend wirksame und bedrohliche Phänomene, denen auch die sonst so stark erscheinende und Sicherheit stiftende Erwachsenenwelt machtlos ausgeliefert zu sein scheint. Hier besteht Raum für unterschiedliche Phantasien , in denen der Tod beispielsweise als Bestrafung aufgefasst oder mit unvorstellbaren Qualen assoziiert wird.

 

Kinder stellen sich auch die Frage, inwieweit das Verhalten ihrer trauernden Bezugspersonen, insbesondere der Eltern bzw. eines Elternteils, mit ihnen selbst zusammenhängt. Sie erleben eine Veränderung der familiären Beziehungen und emotionale Belastungen der Hinterbliebenen , für die sie gründe suchen - und mitunter in eigenem Fehlverhalten zu finden glauben. Diffuse, verborgene Schuldgefühle sind bei trauernden Kindern häufig zu beobachten.

 

Außerdem darf nicht unterschätzt werden, welche Bedeutung Kinder den tatsächlichen oder vermuteten Reaktionen ihres erweiterten sozialen Umfeldes beimessen. Nach dem Verlust eines Elternteils, eines Bruders oder einer Schwester empfinden sie die Familie oder gar sich selbst als etwas Unvollständiges und unterstellen eine ähnliche Sichtweise ggf. auch anderen Personen, insbesondere Kindern, zu denen sie in näherer Beziehung stehen. Wenngleich die traditionelle Form der Kleinfamilie heute einiges an gesellschaftlicher Bedeutung verloren hat, können sich daher leicht Minderwertigkeitsgefühle einstellen. Ihnen wird unter Umständen bereits in der dem Tod vorangehenden Krankheitsphase der Boden bereitet, z.B. wenn es sich um schwerstkranke Geschwister mit sichtbaren körperlichen und/oder auffälligen psychischen Behinderungen handelt.

 

3. Familiäre Beziehungen

 

Der Blick von Erwachsenen ist mitunter einseitig auf das emotionale Erleben trauernder Kinder ausgerichtet. Nicht zu unterschätzen sind jedoch die Erschütterungen des familiären Beziehungsgeflechtes, von denen sie in Abhängigkeit von den konkreten Umständen in unterschiedlicher Weise betroffen sein können. Wichtig ist vor allem, ob der Tod plötzlich eingetreten ist oder nach einer längeren, schweren Krankheitsphase, die das familiäre Leben bereits in vielfältiger Weise verändert hat, und natürlich die Frage wer verstorben ist.

 

So sind z.B. Kinder, deren Bruder oder Schwester nach einer längeren, von erheblicher Pflegebedürftigkeit gekennzeichneten Krankheitsphase sterben, in besonderer Weise dem Risiko einer unzureichenden Bewältigung ausgesetzt. Weil das erkrankte Kind sehr viel Zeit, Aufmerksamkeit und Kraft der Eltern auf sich zieht, können ihre Bedürfnisse, Sorgen und Probleme in familiären Alltag leicht zu kurz kommen. Oftmals wird von ihnen schon früh große Selbständigkeit erwartet. Durch die scheinbar ungleichgewichtige Verteilung von Zuwendung und Aufmerksamkeit entsteht leicht das Gefühl, allein gelassen und weniger geliebt zu sein, was zu unterschwelliger Aggression und Neid, mitunter sogar zu dem Wunsch führen kann, selbst krank zu werden. Zugleich tendieren Kinder in solchen Situationen dazu, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu verschweigen, weil sie eine zusätzliche Belastung der Eltern vermeiden wollen oder auch Scham dabei empfinden, auf der Gefühlsebene mit einem schwer erkranktem Kind in Konkurrenz um die elterliche Fürsorge zu treten. Besteht für sie keine Gelegenheit, ihre Empfindungen zu äußern und aufzuarbeiten, sind oftmals ausgeprägte Schuldgefühle die Folge, die auch nach Versterben von Bruder oder Schwester stabil bleiben. Insofern weist ihre Situation günstige Voraussetzungen zur Entwicklung von psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten auf, zumal das in sich erschütterte Familiengefüge erst im Laufe der Zeit wieder die zu ihrer Bearbeitung benötigte Kraft gewinnt.

 

4.Unterstützung

 

Die skizzierten Aspekte bilden sicherlich nur einen Ausschnitt des Erlebens und der Problemlagen trauernder Kinder ab, vermitteln aber zumindest einen Eindruck ihrer Vielschichtigkeit. Kinder gelten im Zusammenhang mit der Trauerbewältigung nicht nur deshalb als besonders vulnerabel, wie ihren mit Tod und Sterben verbundenen Vorstellungen, Erfahrungen und Empfindungen ein altersbedingt relativ geringes Bewältigungspotential gegenüber steht. Sie tendieren auch oftmals dazu, im Verborgenen zu trauern und sich aufgrund ihrer besonderen Abhängigkeit in gewisser Weise doppelt betroffen: Abgesehen von erlittenen Verlust finden sie sich zumeist in einem sozialen Geflecht wieder, das zumindest vorübergehend seine innere Stabilität, sein Sicherheit und Geborgenheit stiftendes Potential verloren hat. Aus den Erfahrungen mit der pallitativen Versorgung von Kindern beispielsweise ist bekannt, dass es Eltern zum Teil aufgrund eigener Belastungen, zum Teil aufgrund großer Unsicherheiten schwer fällt, mit den hinterbliebenen Geschwisterkindern umzugehen.

 

Dementsprechend sollte eine Wirksame Unterstützung der betroffenen Kinder mehrere Problemdimensionen in den Blick nehmen. Sie bedürfen nicht allein der emotionalen Stützung, sondern auch der Hilfe bei der Bearbeitung von Problemen, die nur indirekt mit der Erfahrung von Tod und Sterben zusammenhängen. Mit diesen Problemen sind sie ggf. schon weit im Vorfeld konfrontiert. Die wohl wichtigste Anforderung besteht darin, das, was geschieht oder geschehen ist, für Kinder zugänglich und >>be-greifbar<< zu machen., d.h. ihnen konkrete Erfahrungen als Gegengewicht zu angstbesetzten Phantasien zu ermöglichen.

 

So gilt es beispielsweise als empfehlenswert, Kinder in irgendeiner Form in die Versorgung tödlich erkrankter Geschwister einzubeziehen. Sie sollten ebenso wie Erwachsene die Möglichkeit erhalten, in geeigneter Weise Abschied zu nehmen. Sie benötigen Gelegenheiten und Ermutigungen, ihre Gedanken und Gefühle in altersgerechten Formen, etwa mit Hilfe kindgerechter Medien auszudrücken. Wirksame Unterstützung setzt ebenso voraus, Kinder nicht losgelöst von ihrem familiären und erweiterten Umfeld zu sehen, d.h. sozialen Dimensionen - veränderte oder als verändert empfundene Rollen und Beziehungen - Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Die Realisierung eines von solchen Überlegungen ausgehenden Unterstützungsangebotes ist am weitesten in Großbritannien fortgeschritten. Hier existiert ein vergleichsweise dichtes Netz von Einrichtungen unterschiedlichster Art, in deren umfassendem Verständnis einer pallitativen Versorgung die Situation trauernder Kinder besondere Aufmerksamkeit genießt. Dazu gehört u.a. die Überzeugung, dass Unterstützung je nach Bedarf ggf. bereits in der dem Tod vorangegangenen Krankheitsphase einsetzen und nicht isoliert auf einzelne Personen, sondern auf das Familiensystem ausgerichtet sein sollte, ferner die Entwicklung spezifischer Konzepte zu professionellen Trauerbegleitung von Kindern.

 

Kontakt:

 

Klaus Wingenfeld

 

Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld

 

Postfach 100131

 

33501 Bielefeld

 

e-mail: klaus.wingenfeld@uni-bielefeld.de