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Am Donnerstag, dem 22. Januar 1662, wollte der 26-jährige Marburger Student Johannes Weigand eigentlich seine Disputation halten, um den Doktorgrad zu erlangen und sein Jurastudium abzuschließen. Die Thesen lagen bereits gedruckt vor. Seine Mutter und seine Verwandten freuten sich schon auf die Rückkehr des jungen Doktors beider Rechte in seine Vaterstadt Kassel. Doch dazu kam es nicht mehr. Weigand war acht Tage vor seinem Prüfungstermin an starkem Husten und "druckender Beschwerlichkeit", wie es in seiner Leichenpredigt heißt, erkrankt. Obwohl es zunächst so schien, als sei diese Erkrankung nicht schwerwiegend und als wirkten die eingenommenen Medikamente, änderte sich sein Zustand ganz plötzlich. Eine "gewaltige Hitze und Mattigkeit" befielen ihn und nahmen derart zu, dass er am Abend des 22. Januar starb, also an dem für seine Disputation vorgesehenen Tag. Acht Tage später wurde er in Marburg zu Grabe getragen.


Der Theologieprofessor und Pfarrer der reformierten Gemeinde Marburgs, Sebastian Curtius (1620-1684), hielt die Leichenpredigt. Vermutlich auf Veranlassung der Mutter Weigands wurde die Predigt 1663 bei dem Universitätsbuchdrucker Salomon Schadewitz gedruckt. Sie hat einen Umfang von 32 Seiten. Wie hoch ihre Auflage und die Druckkosten waren, wissen wir nicht. Erhaltene Druckereirechnungen weisen bei Leichenpredigten Auflagenhöhen zwischen 100 und 300 Exemplaren nach. Die Kosten waren so hoch, dass sich in der Regel nur das wohlhabende Bürgertum und der Adel den Druck von Leichenpredigten leisten konnten.


Weigands Mutter war die Witwe eines landgräflichen Kammerrates. Die Leichenpredigt trägt einen in dieser Zeit üblichen weitläufigen Titel: "Christliche Leichpredigt vom Kampffs der Kinder Gottes zu Erlangung der Kron des Lebens". Sie ist ein typisches Beispiel ihrer Literaturgattung, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und in der zweiten Hälfte des 18. ihren Niedergang erlebte. Leichenpredigten wiederum gehören zur Gattung der Personalschriften, die z.B. zu Geburtstagen, Hochzeiten, Amtseinführungen und zum Tod eines Menschen verfasst wurden.



Leichenpredigten als historische Quellen

Gedruckte Leichenpredigten fanden als religiöse Erbauungsliteratur einen guten Absatz, wurden auf Buchmessen gehandelt und von Liebhabern gesammelt. Da sie in großer Zahl publiziert wurden, blieben auch zahlreiche Exemplare in Bibliotheken und Archiven bis heute erhalten. Diese Leichenpredigten-Bestände mit ihren wichtigen historischen Quellen durch Kataloge der Wissenschaft zu erschließen, ist die Hauptaufgabe der Marburger Forschungsstelle für Personalschriften. Ein 45 Fragestellungen umfassendes Kurzauswertungsschema ermöglicht eine Erfassung der wichtigsten Daten mit Hilfe der EDV. Die katalogisierten Bestände werden einer Sicherungsverfilmung unterzogen, so dass die Forschungsstelle auch die Funktion eines Archivs übernommen hat.


Bisher wurden 30 Leichenpredigten-Kataloge erstellt. Regionale Schwerpunkte sind dabei die Landschaften Hessen, Sachsen und Schlesien. Es wird angestrebt, in Zukunft zusätzlich die Leichenpredigten-Vorkommen Thüringens zu katalogisieren. Auch für die Marburger Sammlungen - die größten sind diejenigen der Universitätsbibliothek und des Hessischen Staatsarchivs - liegen Kataloge der Forschungsstelle vor.

 


Trost, Erbauung und Belehrung

Eine kurze Einleitung, das "Exordium", führt in der Leichenpredigt auf Johannes Weigand zum so genannten Leichtext hin, dem Bibelwort, das in der Predigt ausgelegt wird. Die Einleitung sagt auch, welche Aufgaben die folgende Predigt haben soll: die Trauergemeinde aus Gottes Wort zu trösten und am "gottseligen" Leben und Sterben des Johannes Weigand zu erbauen. Damit werden zwei wesentliche Funktionen der protestantischen Leichenpredigt angesprochen: Trost und Erbauung. Der Trost wird aus der Bibel und insbesondere dem Neuen Testament geschöpft. Zur Erbauung dient der Lebenslauf des Verstorbenen, der das Idealbild eines frommen Christenmenschen an einem konkreten Menschen verdeutlicht. Eine dritte, nicht minder wichtige Aufgabe der christlichen Leichenpredigt lässt der Prediger Curtius unerwähnt: die Belehrung der Gemeinde, ihre Unterweisung in der Glaubenslehre.


Diese drei Funktionen wies schon ihr Schöpfer, der Reformator Martin Luther, der protestantischen Leichenpredigt zu. Luther selbst hielt die ersten im Druck überlieferten Leichenpredigten, so 1525 auf Friedrich den Weisen Kurfürst von Sachsen und 1532 auf dessen Bruder Johann den Beständigen. Seine Absicht war es dabei, einen Ersatz für die von ihm abgelehnten Begräbnisrituale der katholischen Kirche zu schaffen und zu demonstrieren, dass auch im Schoße seiner neuen Kirche seliges Sterben möglich sei. Rasch verbreitete sich diese Form des Totengedenkens in den übrigen Gebieten des protestantischen Bekenntnisses und wurde später auch von Calvinisten, Zwinglianern, Reformierten - wie im vorliegenden Beispiel - und sogar von Katholiken übernommen. Die katholische Leichenpredigt, in wesentlich geringerer Zahl publiziert als die protestantische und bisher eher ein Stiefkind der Forschung, ist in letzter Zeit verstärkt Gegenstand wissenschaftlichen Interesses geworden.


Nichts deutet darauf hin, dass sich Johannes Weigand schon vor seinem Tod die Bibelstelle für seine Leichenpredigt selbst ausgewählt hätte, wie es durchaus nicht selten vorkam. Vermutlich hatte er, in der Blüte seines Lebens stehend, nicht mit seinem Tod und noch dazu einem so plötzlichen gerechnet. Das statt seiner wohl von Curtius ausgesuchte Bibelzitat aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus (9, 25) lautet in den Worten und der Schreibweise der Frühen Neuzeit: "Ein jeglicher der da kämpffet enthelt sich alles dinges, jene also, daß sie eine vergängliche Krone empfahen, wir aber eine unvergängliche."


Im Hauptteil der Predigt, der so genannten Abhandlung, hier "Außlegung" genannt, wird der Leichtext einer Exegese unterzogen. Curtius stellt seinen Zuhörern, indem er die Bibelstelle auslegt, das Ideal eines christlichen Lebenswandels vor. Rechtschaffene Christen könnten als Kämpfer bezeichnet werden, deren Gegner das eigene sündige Fleisch und der Satan seien. Solch kämpferische Christen dürften nicht faul und träge, sondern müssten tapfer und mutig sein. Sie sollten sich vorsichtig, nüchtern und mäßig verhalten sowie enthaltsam sein. Wenn Weigand nicht nüchtern und mäßig gelebt hätte, so Curtius, das Ideal am Verstorbenen konkretisierend, wäre er im akademischen Kampf nicht bis fast zum Doktorgrad gelangt.

 


Disziplinierung der Studenten

Mit diesen Worten wollte der Leichenprediger höchstwahrscheinlich die zahlreich anwesenden Studenten ansprechen und ermahnen. Während und nach dem Dreißigjährigen Krieg hatten sich nämlich unter den Studierenden zunehmend Wertvorstellungen verbreitet, die mit einem asketischen Leben für die Wissenschaften wenig zu tun hatten. Bräuche des Adels wurden, von adligen Studenten vermittelt, auch von bürgerlichen übernommen, vor allem das Duellwesen. Trinkgelage waren an der Tagesordnung. Kurzum: Die Disziplin der Studenten ließ zu wünschen übrig, und so bot sich auch die Leichenpredigt als ein Mittel an, um den Versuch zu unternehmen, Studenten zu disziplinieren, indem sie ihnen die Verhaltensnormen vor Augen hielt, unterstützt durch Glaubensautorität und dargestellt am Beispiel des Verstorbenen. Auch in anderen Leichenpredigten auf Marburger Studenten jener Zeit kommt dieses Anliegen zum Ausdruck.


Im letzten Teil seiner Predigt bedient sich Curtius ausgiebig der im Barock sehr beliebten Kronenmetapher. Der Lohn eines tugendhaften christlichen Streiters sei, so der Apostel Paulus und mit ihm der Leichenprediger, keine vergängliche Krone, also Ruhm und Ehre in dieser Welt, sondern eine unvergängliche, das ewige Leben nach dem Tode. Die unvergängliche, geistliche Krone wiederum sei kein Lohn für gute Taten, sondern ein Gnadenerweis Gottes. Hier kommt ein zentraler Punkt protestantischer Theologie zur Sprache, wenn auch vielleicht nicht so deutlich, wie es in einer lutherischen Leichenpredigt der Fall gewesen wäre. In Abkehr von der ausgeprägten Werkgerechtigkeit der katholischen Kirche betonten die Reformatoren die Bedeutung der göttlichen Gnade, die man sich nicht durch gute Taten verdienen könne, sondern allein im Glauben erhalte.


Abschließend zeigt Curtius den Angehörigen des Verstorbenen die wichtigste Quelle des Trostes im christlichen Glauben auf. Das ewige Leben nach dem Tode sei unvergleichlich herrlicher, als es die weltliche Ehre des bestandenen Doktorexamens gewesen wäre.


Auf die Leichenpredigt folgen die so genannten Personalia, in diesem Fall ein kurzer, nur fünf Druckseiten umfassender Lebenslauf des Verstorbenen. Wer den Lebenslauf des Johannes Weigand verfasst hat, können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen, wahrscheinlich der Autor der Leichenpredigt auf der Grundlage von schriftlichen oder mündlichen Mitteilungen der Angehörigen. Es konnte durchaus vorkommen, dass ein Verstorbener schon vor seinem Tode seinen Lebenslauf eigenhändig niedergeschrieben hatte. Der Leichenprediger übernahm ihn dann unverändert bzw. geringfügig ergänzt durch Mitteilungen über die Zeit unmittelbar vor dem Tod des Betreffenden. Besonders von württembergischen Pietisten sind selbst formulierte Personalia seit dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts in großer Zahl überliefert, die inzwischen einer Habilitationsschrift als Quellen gedient haben.



Wertvolle biographische Zeugnisse

Solche autobiographischen Zeugnisse sind für Historiker besonders wertvoll. Aber auch die nicht eigenhändig von den Verstorbenen verfassten Lebensläufe enthalten zumeist eine Fülle von Informationen. Vor allem diese biographischen Bestandteile der Leichenpredigten sind für eine Vielzahl historischer Fragestellungen von großem Wert. Neben älteren Disziplinen wie Sozial- und Mentalitätsgeschichte profitieren gerade auch moderne, interdisziplinäre Forschungsrichtungen wie beispielsweise Psychohistorie, Geschlechtergeschichte (Gender History) oder Historische Biographieforschung von Leichenpredigten und ihren Personalia-Teilen. Auf der Grundlage dieser Quellen wurden beispielsweise sozialgeschichtliche Arbeiten über Berliner Ratsfamilien, Juristen in Schleswig-Holstein und Marburger Professoren erstellt. Über den Umgang mit Krankheit und körperlichem Schmerz, die (Selbst-)Darstellung von Frauen und die Konstruktion von Männerrollen ist ebenfalls schon an Leichenpredigten der Frühen Neuzeit geforscht worden.


Im Lebenslauf des Johannes Weigand folgt der Nennung seines Geburtstages (10. März 1636) und -ortes (Kassel) sowie seiner Eltern die Erwähnung der Taufe, die in einem vorbildlichen christlichen Lebenslauf nach damaligen Vorstellungen eine entscheidende Rolle spielte, da durch sie das Neugeborene Jesus Christus und seiner Kirche einverleibt, der göttlichen Gnade teilhaftig wurde. Und so wird sie in den Personalia entsprechend gewürdigt. Ein unverzichtbarer Bestandteil eines idealen christlichen Lebenslaufes jener Zeit ist außerdem die religiöse Erziehung durch die Eltern. Sie wird deshalb auch in den Personalia des Johannes Weigand erwähnt.


Sein individueller Werdegang - diesseits der Allgemeinplätze des idealisierten christlichen Lebenswandels - wird zunächst vom Schulbesuch in Kassel bestimmt. Da sich "ein feines sittsames Gemüht und ingenium" bei ihm zeigte, wurde er von seinen Eltern "fleissig zur Schulen gehalten". Ostern 1653, als er gerade 17 Jahre alt geworden war, verließ er das Kasseler Pädagogium (Gymnasium) und wurde am 25. Juni in die Matrikel der Marburger Universität eingeschrieben. Dass er schon in diesem Alter ein Studium beginnen durfte, deutet auf besondere Begabung hin, denn das durchschnittliche Immatrikulationsalter lag in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wie sich auf der Grundlage von Leichenpredigten zeigen ließ, bei rund 19 Jahren. Da er nach einem Grundstudium in der Philosophischen Fakultät Jura studierte, sollte er vermutlich wie sein Vater eine Laufbahn als Beamter in landesherrlichen Diensten einschlagen.


Weigand war offenbar nicht darauf angewiesen, sich seinen Lebensunterhalt während des Studiums als Privatlehrer eines adligen Studenten zu verdienen wie viele Handwerkersöhne. Seine Eltern waren wohl so vermögend, dass sie ihn auch auf andere deutsche Universitäten schicken konnten. 1658 begab er sich an die Straßburger und ein Jahr später an die Kölner Universität. Allerdings scheinen die Eltern Weigands nicht in der Lage gewesen zu sein, ihm eine ausgedehnte Bildungsreise, eine Peregrinatio Academica, durch verschiedene europäische Länder zu finanzieren, wie sie viele junge Adlige und auch bürgerliche Studenten in jener Zeit absolvierten. Bevorzugte Reiseländer waren dabei Frankreich und die Niederlande, aber auch Italien und England wurden besucht.


Der Tod seines Vaters 1660 unterbrach das Studium Weigands nur kurz. Er zog es dann vor, wieder nach Marburg zurückzukehren, "nachdem ihme ... hiesige hohe Schul und der Ort vor allen andern gefallen", obwohl ihm Verwandte andere Universitäten vorgeschlagen hatten. Im Frühjahr 1661 war er mit seinem Studium so weit gediehen, dass er sich zum Doktorexamen meldete. Am 3. Mai legte er eine erste Disputation erfolgreich ab und wurde daraufhin zur eigentlichen Promotion zugelassen. Wie bereits eingangs erwähnt, brachte eine plötzliche Erkrankung den unerwarteten Tod.



Führungszeugnis für einen Toten

Ehe Curtius allerdings auf das Lebensende Weigands eingeht, rühmt er seinen tugendhaften Lebenswandel. Diese Art Führungszeugnis durfte in keiner Leichenpredigt fehlen. Dass Curtius den Verstorbenen von Jugend auf kannte - er war damals Rektor der Kasseler Stadtschule -, unterstreicht die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen. Weigand sei "fromb, gottsfürchtig, eines überauß eingezogenen stillen Wandels, auffrichtig und recht tugendhafft, kein Söffer, Spieler, Zäncker, Balger, Müssiggänger, noch sonsten einiger weltlichen vanität denen die Jungend sonsten wohl nachhängt, ergeben gewesen". Seine Eltern, Lehrer und andere Vorgesetzte habe er "jederzeit sehr gefürchtet, geehret und von Hertzen lieb gehabt". Ausführlich geht Curtius auch auf die Frömmigkeit Weigands ein. Offenkundig soll hier nicht nur der Verstorbene gerühmt, sondern auch in pädagogischer Absicht dem Publikum ein leuchtendes Vorbild vor Augen gestellt werden.


Die Personalia enden in der Regel mit einer Darstellung der zum Tode führenden Krankheit und einem Sterbebericht. Da der Leichenprediger oft den Verstorbenen in seinen letzten Stunden seelsorgerisch begleitet hatte, besitzt dieser Bericht eine besondere Authentizität. Er gehört allerdings ebenfalls in den Rahmen des idealisierten christlichen Lebenslaufes, dessen Geltung durch das Beispiel des konkreten Verstorbenen bekräftigt werden sollte. Durch die Darstellung des Sterbeverlaufs musste bestätigt werden, dass die jeweilige Kirche in der Lage war, ihren Gläubigen in der existenziellsten Lebenssituation beim - christlichem Glauben nach - Übergang aus dem diesseitigen in ein jenseitiges, ewiges Leben mit ihren Ritualen effiziente Hilfestellung zu leisten. Zugleich war der Gemeinde im Sterbebericht zu zeigen, dass der Betreffende sich auch im Sterben als rechter Christ erwiesen hatte. Und die Schilderung seines seligen Sterbens diente wiederum als Vorbild für die versammelten Gläubigen. Vom Sterben des Johannes Weigand jedoch ist in seinen Personalia nur kurz die Rede, aus welchen Gründen auch immer. Er sei "unter dem Gebet der Umbstehenden sanfft und seelig und ohne eintzige Bewegung im Herrn entschlaffen".



Gebildetes Totengedenken

Im Anschluss an die Personalia ist ein so genanntes Programma Academicum in lateinischer Sprache abgedruckt, mit dem der damalige Rektor der Marburger Universität, der Mediziner Christian Friedrich Crocius, die Angehörigen der Universität zur Beerdigung Weigands einlud. Diese Einladung enthält neben allgemeinen, mit humanistischem und christlichem Bildungsgut angereicherten Betrachtungen über die Vergänglichkeit einen kurzen Lebenslauf des Verstorbenen. Solche Programmata Academica waren anlässlich der Beerdigung von Universitätsangehörigen üblich. Ein verstorbener Professor wurde darüber hinaus durch eine besondere akademische Trauerfeier geehrt, in deren Rahmen man eine lateinische Trauerrede vortrug, die ebenfalls zusammen mit der Leichenpredigt publiziert wurde.


Mit dem Programma Academicum endet die gedruckte Leichenpredigt auf Johannes Weigand. Gewöhnlich wurden in Leichenpredigten-Drucke noch weitere Bestandteile integriert. So war es beispielsweise in der Frühen Neuzeit bei Beerdigungen üblich, dass ein Freund der Familie vor der Tür des Trauerhauses, am Grab oder nach der Rückkehr von der Beisetzung eine Rede hielt, mit der der Verstorbene noch einmal gewürdigt wurde und die Hinterbliebenen der Trauergemeinde danken ließen. Daher bezeichnete man diese Rede als "Abdankung". Sie wurde in der Regel gemeinsam mit der Leichenpredigt gedruckt.


Weiterhin wurden auch Trauergedichte (Epicedien) zusammen mit der Leichenpredigt veröffentlicht, die Verwandte, Freunde, Kollegen und Bekannte dem Verstorbenen und seinen Hinterbliebenen gewidmet hatten. Akademiker stellten durch Trauergedichte in lateinischer oder griechischer Sprache ihre humanistische Bildung heraus. Auch musikalische Beiträge, Trauerlieder oder -kantaten, die eigens für eine Beerdigung komponiert worden waren, fanden zum Teil mit Noten Eingang in einen Leichenpredigten-Druck. So sind Kompositionen bedeutender Komponisten des 17. Jahrhunderts in Leichenpredigten überliefert.



Barocker Prunk

Angereichert durch solche zusätzlichen Bestandteile konnten Leichenpredigten-Druckwerke in ihrer Blütezeit einen Umfang von mehreren hundert Seiten erreichen. Diese kostspieligen Trauerpublikationen waren allerdings auf den Hochadel beschränkt. Zur eigentlichen Leichenpredigt und weiteren, bereits genannten Bestandteilen konnte in diesen Fällen, wenn es sich um einen regierenden Landesherrn handelte, eine umfangreiche Auswahl an so genannten Gedächtnispredigten hinzutreten, die sämtliche Pfarrer des jeweiligen Territoriums am Tag des fürstlichen Leichbe-gäng-nisses zu halten und danach in die Residenzstadt einzuschicken hatten.


Eine wichtige Rolle innerhalb dieser Publikationen, die vor allem zum Austausch unter den Fürstenhöfen bestimmt waren, spielten die Abbildungen, meist in Form von Kupferstichen. Auf ihnen wurden nicht nur wichtige Bestandteile der Trauerfeierlichkeiten, die Aufbahrung des Verstorbenen, die Trauerdekoration in der Kirche in Gestalt kurzlebiger Architekturen aus Holz, Gips und Tuch sowie die Prozession mit dem Sarg vom Schloss zur Begräbnisstätte festgehalten, sondern beispielsweise auch Porträts des Verstorbenen, seiner Familie und seiner Ahnen publiziert. Ein gutes Beispiel dafür, wie man fürstliche Trauerfeierlichkeiten in der Frühen Neuzeit dem Vergessen zu entreißen suchte, sind die diesen Artikel begleitenden Ausschnitte aus einer farbigen Abbildung des Leichenzuges für Christian II. Kurfürst von Sachsen (1585-1611).


Aus all dem kann man schon entnehmen, dass die Publikationen hochadliger Leichenbegängnisse mit ihren verschiedenen literarischen und graphischen Bestandteilen in erster Linie eine politische Funktion besaßen. Sie dienten dazu, die Bedeutung einer Dynastie in der Konkurrenz mit anderen Fürstenhöfen hervorzuheben. Ihre interdisziplinäre Erforschung durch Historiker, Kunsthistoriker, Musikwissenschaftler und Literaturwissenschaftler ist in den letzten Jahren intensiviert worden.


Jörg Witzel



Dr. Jörg Witzel

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg

Biegenstraße 36

35037 Marburg

Tel.: (06421) 28-23162 / 28-23800

Fax: (06421) 28-24501

E-Mail:lenzs@mailer.uni-marburg.de

aus Marburger UniJournal, Philipps-Universität Marburg

Nr. 15, April 2003, ISSN 1616-1807


 

Die Forschungsstelle

Die Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg wurde am 1. April 1976 auf Initiative ihres Leiters Prof. Dr. Rudolf Lenz mit Unterstützung durch die Stiftung Volkswagenwerk gegründet und im folgenden Jahr offiziell eröffnet. 1981 setzte ihre Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein. Seit 1984 ist sie eine Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz. 1991 wurde in Dresden eine Dependance an der dortigen Technischen Universität zur Erschließung sächsischer Leichenpredigten-Bestände eingerichtet. Im Jahr 2000 zog die Marburger Forschungsstelle von der Liebigstraße 37 in die Biegenstraße 36 um.

Symposien und Ausstellungen


1974, 1977, 1983 und 2002 richtete die Forschungsstelle in Marburg internationale Personalschriften-Symposien aus - Foren, auf denen Wissenschaftler ihre aktuellen Arbeiten mit Leichenpredigten diskutierten. Die Ergebnisse der Symposien wurden und werden in der Reihe "Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften" veröffentlicht. Parallel zu diesen Symposien organisierte die Forschungsstelle Ausstellungen in der Marburger Universitätsbibliothek über die vielfältigen Aspekte ihrer Quellen und ihrer Arbeit. Mit weiteren Ausstellungen war sie beispielsweise 1987 auf der Hannover-Messe Industrie sowie 1990 und 2000 auf der Frankfurter Buchmesse präsent.

 

 

Forschungsergebnisse

Ihre Arbeitsergebnisse veröffentlicht die Forschungsstelle überwiegend in der Reihe "Marburger Personalschriften-Forschungen". 30 der bislang 37 Bände sind Kataloge von Leichenpredigten-Sammlungen in Bibliotheken und Archiven Hessens, Sachsens und Schlesiens. Der erste Band von 1978 ist ein Verzeichnis von Abkürzungen aus Personalschriften des 16. bis 18. Jahrhunderts (3. Aufl. 2002) - ein wichtiges Hilfsmittel für jeden Archiv- und Bibliotheksbenutzer, der mit Quellen der Frühen Neuzeit arbeitet. Außerdem wurden eine Umfrage nach Leichenpredigten-Vorkommen mit einer Bibliographie, zwei Monographien und ein Sammelband mit kleineren Beiträgen veröffentlicht.

 

 

Online-Datenbanken

Seit letztem Jahr stehen über die Homepage der Forschungsstelle (http://www.uni-marburg.de/fpmr/) zwei Datenbanken für Recherchen im Internet zur Verfügung: der Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten (GESA) und der Titelblattkatalog der Leichenpredigten und sonstiger Trauerschriften in der Universitätsbibliothek Wroclaw/Breslau. Sie konnten mit Hilfe des Hochschulrechenzentrums der Philipps-Universität eingerichtet werden. Mit bislang fast 121 000 Datensätzen erschließt GESA die in Bibliotheken und Archiven durch Kataloge erfassten Leichenpredigten. Der Titelblattkatalog enthält zur Zeit rund 13 400 Titelblätter, die als Scans im Internet einsehbar sind.

 

Multimedia-Präsentation

Über die Homepage der Forschungsstelle (http://www.uni-marburg.de/fpmr/) ist eine im vergangenen Jahr vom Multimedia-Kompetenzzentrum des Hochschulrechenzentrums realisierte Multimedia-Präsentation erreichbar, die mit Hilfe von Videos, Animationen und zahlreichen Abbildungen über die Forschungsstelle und ihren Forschungsgegenstand informiert. An vier Leichenpredigten, die mit ausführlichen Kommentaren und mit Illustrationen versehen sind, wird die Quellengattung vorgestellt. In die Multimedia-Präsentation eingebunden sind die Ergebnisse einer Umfrage zu Leichenpredigten-Vorkommen in den neuen Bundesländern und eine Bibliographie zur Leichenpredigten-Literatur.